Ein Blick 35 Jahre zurück, um wieder im Land der aufgehenden Sonne anzukommen.
Wieder in Japan: Eine Reise in die Vergangenheit und Gegenwart
Yoku kaette kita ne! Dies ist eine herzliche Art, „Willkommen zurück!“ auf Japanisch zu sagen, ähnlich wie „Schön, dass du wieder da bist!“. Es drückt in diesem Moment, vor meinem Flug von München nach Osaka, meine tiefe innere Freude über die Rückkehr in das Land der aufgehenden Sonne aus.
Vor 35 Jahren kam ich zum ersten Mal in dem Inselstaat in Ostasien an. Ich erinnere mich noch genau an diese Augenblicke, da es meine erste große Fernreise nach Asien war. Zu dieser Zeit war die Mauer im Osten Deutschlands gerade niedergerissen worden; die beiden deutschen Staaten befanden sich im Prozess der Annäherung, die in der ersehnten deutschen Einheit enden sollte. Es war jene Zeit gewaltiger Umbrüche in allen gesellschaftlichen und menschlichen Belangen. Für mich persönlich war es auch der Beginn der Entdeckung vieler weiterer wunderschöner Regionen auf unserem Globus.
Die Einladung von meinem japanischen Brieffreund Satoshi, ihn und seine Familie in Kitami City auf Hokkaido zu besuchen, kam mir daher genau zur rechten Zeit. Von Dresden startend ging der Flug mit der russischen Fluggesellschaft Aeroflot über Berlin direkt nach Tokyo. Nach dem Umstieg und Weiterflug zum Zielflughafen Sapporo wurde ich dort von einem Japaner mit seinem Auto abgeholt, den ich bis dato nur durch die Kommunikation mit dem Schreiben von Briefen kannte. Genau diese Art der Korrespondenz war der Beginn einer sich allmählich entwickelnden, langen Freundschaft.
Kennengelernt habe ich Satoshi auf der Suche nach einem Austausch mit der westlichen Welt. In dem wöchentlich in der DDR erscheinenden Magazin „Wochenpost“ wurde ich fündig, genauer gesagt auf der zweiten Seite dieser Zeitschrift. Dort wurden Adressen aus dem Ausland für Brieffreundschaften abgedruckt. In der Regel waren das Anschriften von Menschen, die fast alle in den Republiken der damaligen Sowjetunion lebten. Mit dem potenziellen Austausch über Ländergrenzen hinweg sollte die Deutsch-Sowjetische Freundschaft gestärkt werden. Nur die Adresse der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zur DDR bildete eine Ausnahme von diesem Muster. Den verantwortlichen Organen in Ostdeutschland war vermutlich die Entfernung nach Japan zu groß und die Kultur zu fremdartig, sodass keine Befürchtungen zu einer westlichen Einflussnahme auf das Denken der Bürger des Systems bestand.
Nach meiner spätabendlichen Ankunft damals in Sapporo ging die Autofahrt in die etwa dreihundert Kilometer entfernte Stadt Kitami, die im östlichen Teil von Hokkaidō liegt. Die Gegend ist von Bergen und Flüssen geprägt mit einem Jahreszeitenklima, das heiße Sommermonate und einen schneereichen Winter verspricht. Kitami ist Japans größter Produzent von festen Zwiebeln mit einer süßlichen Geschmacksnote und spielt eine zentrale Rolle in der nationalen Versorgung mit diesem gesundheitsfördernden Gemüse. Historisch war der Ort früher bekannt als ein geachtetes Zentrum der Produktion von Minze, die bis zu 70 % des weltweiten Bedarfs abdeckte.
In dieser Ortschaft verbrachte ich eine Woche im Kreise der Familie meines Brieffreundes Satoshi. Neben seinen Schwiegereltern, den Eigentümern des einfachen, funktional und traditionell eingerichteten Holzhauses, lebten in den fünf Zimmern mit ihm seine Frau und seine drei kleinen Kinder auf engstem Raum. Es war für mich die besondere Gelegenheit, tief, ja sehr tief in die Kultur und die Lebensweise der Japaner einzutauchen, die in dem Haus geprägt war von der engen Verwurzelung mit der Geschichte, den Gebräuchen, Riten einerseits und andererseits von dem Streben nach Wohlstand und Glück in der im Außen vorherrschenden westlichen Welt. Für die junge Familie war das kein leichtes Unterfangen, das oft mit einem zu beobachtenden Ausbalancieren von eigenen Wünschen und den gesagten oder nicht gesagten, aber gedachten Ansprüchen und Bedürfnissen der Älteren verbunden war.
Der japanischen Gepflogenheit folgend, wurde ich als Gast rund um die Uhr betreut, bewirtet und umsorgt. Selbst bei den Ausfahrten auf der Insel mit den vielen Übernachtungen in den traditionellen Unterkünften gab es keine Möglichkeit, mich in Dankbarkeit für diese Einladungen zu revanchieren.
Die Insel Hokkaidō, was aus dem Japanischen übersetzt Nordmeerbezirk bedeutet, ist ein Naturparadies mit der einzigartigen Kultur der Ainu, dem indigenen Urvolk – daran kann ich mich noch heute sehr gut erinnern. Weite, unberührte Landschaften, Gebirgszüge, zahlreiche noch aktive Vulkane, eine Fülle von heißen Quellen, den sogenannten Onsen, ausgedehnte Wälder und fruchtbare Ebenen dominieren die Bilder in meinem Kopf. Die Insel ist übersät mit Nationalparks und Naturschutzgebieten, die darauf abzielen, diese besondere Flora und Fauna zu schützen.
Nach dieser phänomenalen Zeit auf der Insel Hokkaidō verbrachte ich allein noch einige unvergessliche Tage in der Hauptstadt Tokyo. Für mich war das damals eine Herausforderung, um nicht in der dicht besiedelten Großstadt die Orientierung zu verlieren. Alles war so groß, schrill, grell, leuchtend und endlos, um es sofort zu verstehen und aus den Labyrinthen der Stadtviertel, der Hochhäuser und der Bahnhöfe wieder herauszufinden. Doch diese faszinierende, die größte Metropole der Welt mit Tradition und den bis dahin für mich noch nicht gekannten modernen Innovationen, weckte in mir schnell den Entdeckergeist, der mir glücklicherweise bis heute erhalten geblieben ist.
Seit meinem ersten Besuch ist Japan für mich als ein Land der Gegensätze und der vielfältigen Kontraste in Erinnerung geblieben, in dem Moderne und Tradition keinen Widerspruch darstellen und wovon es auf unserem Globus nur wenige vergleichbare Orte gibt.
Es ist für mich der ideale Ausgangspunkt für endlose Entdeckertouren mit unzähligen spannenden Regionen für ein garantiert rauschendes Fest der Sinne und den leicht zu findenden Inseln der absoluten Ruhe.
All dies macht für mich den Reiz aus, immer wieder in das Land des Lächelns zurückzukehren. So war ich in den vergangenen Jahren wiederholt privat und beruflich in Japan und durfte weitere verschiedene Regionen kennenlernen. Eine der dabei gemachten beeindruckendsten Erfahrungen war die Besteigung des schönsten Berges der Erde, des Mount Fuji.
Die Freundschaft zu Satoshi und seiner Familie besteht nach all den Jahren immer noch. Ein Gegenbesuch, ein erneuter Besuch meinerseits in seinem neuen Wohnort in der Stadt Shimonoseki im Südwesten des Landes, waren Bestandteil unserer Verbundenheit.

Das Leben in den mehr als 35 Jahren war geprägt von unzähligen Höhepunkten, aber auch von einschneidenden Veränderungen. Bewundernswert fand ich dabei an ihm, dass er immer wieder einen Weg für einen Neuanfang gefunden hat, obwohl er in manchen Situationen alles verloren hatte, was ihm wichtig war. Ein wahrer Meister der eigenen Wiederbelebung.
So ist meine jetzige Reise nach Japan auch ein Wiedersehen, wenn ich ihn und seine jetzige Frau drei Tage lang in seinem Zuhause besuchen werde. Für die Zeit davor und danach meines 14-tägigen Trips habe ich mir die Präfektur Kansai für einen Besuch der weithin bekannten Orte Osaka, Kyoto und Nara sowie die Insel Okinawa in der Südsee herausgesucht.
Ich freue mich schon jetzt auf das Kommende.
„Hallo, guten Tag“, Konnichiwa!