Alte Traditionen treffen auf zeitlose Schönheit in Kyoto.
Kyoto: Eine Stadt voller Welterbe und kultureller Schätze
Kyoto, eine Stadt voller Tradition und atemberaubender Schönheit, nimmt einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen ein.
Als Heimat von 17 UNESCO-Weltkulturerbestätten ist sie genau der richtige Ort für mich, um mein Interesse an Geschichte und kulturellen Hintergründen mit meinen sportlichen Ambitionen zu verbinden.
Meinem inneren Bedürfnis folgend möchte ich daher viele dieser großartigen Stätten zu Fuß besuchen, da sie relativ nah beieinanderliegen. Beim Studieren des Stadtplans wird mir jedoch schnell klar, dass das Ablaufen aller 17 Welterbestätten in einem zusammenhängenden „Spaziergang“ während der zwei Tage meines Aufenthalts aufgrund ihrer geografischen Verteilung in und um die alte Hauptstadt nicht praktikabel ist.
Die Gesamtentfernung zwischen den weltberühmten Orten und innerhalb der weitläufigen Anlagen würde Hunderte von Kilometern betragen, verteilt über das gesamte Stadtgebiet und angrenzende Gebiete.
Daher besuche ich an meinem ersten Tag den Kiyomizu-dera, den To-ji Tempel und den Fushimi Inari-Taisha Schrein, die sich im Osten und Süden des Ortes mit ihrem alten Charme befinden. Am Ende des Tages werde ich auf meiner Apple Watch nachlesen, dass ich 25,95 Kilometer und 33.433 Schritte beim Sightseeing der Sonderklasse zurückgelegt habe.

Die Bedeutung Kyotos: Geschichte, Kultur und Identität
Dabei ist es eigentlich egal, welche historischen Orte zuerst aufgesucht werden. Die Metropole ist unermesslich reich an Geschichte und voll gespickt mit Zeitzeugen unterschiedlicher Epochen, die nicht zuletzt der Nachwelt erhalten geblieben sind, weil die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg bewusst und in Achtung ihrer weltweiten Bedeutung für die Menschheit auf die Bombardierung verzichtet haben.
Kyoto ist die Wiege der japanischen Kultur, Kunst und Religion. Als kaiserliche Hauptstadt von 794 bis 1868 hat sie während einer langen und glanzvollen Vergangenheit jenes tiefgreifende Erbe hinterlassen, das wir als Touristen in den exquisiten Tempeln, den heiligen Schreinen und den ruhigen Gärten heute noch vor Ort hautnah erleben dürfen.

Für die Japaner ist Kyoto mehr als nur eine Stadt; es ist ein lebendes Museum, ein spirituelles Kernland und eine ergreifende Erinnerung an ihr kaiserliches Erbe, ihre Wurzeln und ihre nationale Identität.
Daher ist es für mich auch nicht verwunderlich, dass ich viele Schulklassen in ihren traditionellen, penibel gepflegten Schuluniformen bei meiner Tour durch die geschichtsträchtige Gegend antreffe.
Aber auch Touristen aus der ganzen Welt sind mit mir heute an diesem sonnigen Frühlingstag unterwegs. Manche von ihnen haben ein Stempelbuch dabei, um den Nachweis ihres Besuchs an der Kasse am Einlass der Welterbestätten bestätigen zu lassen.

Jedes Jahr zieht die tiefe historische und kulturelle Resonanz dieser Orte, kombiniert mit ihrer beeindruckenden Schönheit, eine unglaubliche Anzahl von Besuchern an. Im Jahr 2024 verzeichnete ganz Japan einen Rekord von 36,8 Millionen Touristen, und Kyoto ist zweifellos ein Hauptanziehungspunkt dafür.
Für Japans Wirtschaft ist das sehr positiv, denn allein im letzten Jahr trug der Tourismus etwa 7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und sicherte 6 Millionen Japanern ihren Arbeitsplatz.
Der Tourismus „Made in Japan“ boomt, daher soll bis 2030 die zehnfache Anzahl ausländischer Besucher ihr Geld im Land der aufgehenden Sonne lassen – so will es die japanische Regierung bei der Umsetzung ihrer ehrgeizigen Ziele.

Faszination Kyoto: Respekt und Naturverbundenheit
Für mich ist festzustellen, dass sich die Besucherströme hier nicht im Weg stehen. Kein Geschrei oder Gegröle ist zu hören, keine leeren Bierdosen liegen am Wegesrand und auch die Wände sind nicht mit Graffiti beschmiert. Das liegt sicherlich an der Faszination, an der Ehrfurcht vor diesen historischen Denkmälern, die jeden Besucher in ihren Bann ziehen.
Es ist aber auch die wunderschöne Natur, insbesondere an den Stätten, die sich im Umland befinden. Es scheint mir, dass es faktisch keine Umweltverschmutzung gibt. Die Pflanzen und Bäume wirken auf mich fast wie ein lebendes Gemälde, wie eine Kopie aus einem Lehrbuch über Botanik.

Minutenlang kann ich vor den verschiedenen Arten des japanischen Ahorns in den Tempelanlagen und Gärten stehen und mich an den feinen, zierlich geformten Blättern erfreuen, die in dieser Jahreszeit in verschiedenen Grüntönen erscheinen. Die leicht rosafarbenen Samen des Ahorns in ihrer geflügelten Form sind die perfekten Farbtupfer bei diesem Gesamtkunstwerk. Diese Orte des Betrachtens strahlen in mir eine unglaubliche Ruhe und innere Zufriedenheit aus.
Das Fushimi Inari-Taisha: Ein persönliches Highlight
Mein absolutes persönliches Highlight an diesem Tag ist meine Wanderung durch einige der 10.000 Torii-Tore des Fushimi Inari-Taisha Schreins. Erst vor Ort erfahre ich beim intensiveren Studium der Reiseführer, dass dieser heilige Ort gar nicht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht, obwohl er zu den markantesten Wahrzeichen Kyotos zählt.
Das ist mir in diesem Moment egal, weil es für mich der ideale Ort zum Entdecken und Lernen ist, bei dem gleichzeitig mein Puls beim Laufen bergauf durch die ikonischen Tore etwas aus der Komfortzone kommen wird.

Eine Wanderung durch 10.000 Torii
Bevor ich die Wanderung am Fuße des Berges beginne, gehe ich in mich, schließe die Augen, atme tief ein und lange bewusst aus. Ich sehe in diesen Momenten der inneren Stille die vielen opulenten Bilder in meinem Kopf, die lebendigen Geister der Urahnen, die umhüllt sind von einer Aura des Geheimnisvollen und dem Geschehenen in der Vergangenheit.
So oder ähnlich muss es wohl den Gläubigen des Shintoismus ergehen, die tief verwurzelt in der Kultur vor einem der heiligsten Schreine der japanischen Spiritualität stehen.
Doch ich bin nur ein profaner Tourist, der mit Hunderten anderen den kilometerlangen Weg zu dieser heiligen Stätte hinauflaufen möchte.
Viele der Besucher kaufen sich noch vorher im unteren Bereich der göttlichen Anlage ihre Wunschzettel. Ihre Gebete nach Glück, Liebe, Gesundheit, Wohlergehen und tausend anderen Dingen im Detail werden von den dafür Angestellten feinsäuberlich auf kleine Holztafeln, den sogenannten Ema, notiert. Diese Täfelchen können mit Wünschen oder Gebeten für etwas weniger als 10 Euro nach dem Motto: „Schaden kann es ja nicht” beschrieben werden. Nach dem Beschriften werden die Tafeln an einem dafür vorgesehenen Platz im Schreingebiet aufgehängt, damit die Götter sie lesen und erhören können.

Falls die erhoffte Erfüllung der Anliegen nicht so schnell wie gedacht eintritt, dann bleibt ja noch die Christmette in der Kirche zu Heiligabend, wenn man das Vaterunser-Gebet vor sich dahingemurmelt und vorher noch schnell die gleichen Bitten gen Himmel sendet.
Und schon geht’s für mich los auf dem göttlichen, dicht bewaldeten Bergweg durch einen schier endlosen Tunnel aus leuchtend orangeroten Torii, der sich scheinbar bis in den Himmel windet. An vielen Stellen stehen die gespendeten Tore so eng, dass sie sich fast berühren.

Übersetzt aus dem Japanischen bedeutet das Wort Torii wörtlich „Vogelbehausung“. Es ist aber kein Vogelhaus im deutschen Sinne, sondern ein traditionelles japanisches Tor, das den Eingang zu einem jeden Shinto-Schrein kennzeichnet.
Jedes dieser Tore markiert einen Übergang vom Alltäglichen in das Göttliche, als ob man eine unsichtbare Schwelle überschreiten würde, die in eine Welt der Reinheit und Andacht führt.
Die traditionelle Farbe der Torii, die sich als Blickfang von Fotos bewährt hat, soll die bösen Geister abwehren und natürlich auch als Nebeneffekt das Holz schützen. Traditionell wird sie aus dem Mineral Zinnober gewonnen, das Quecksilbersulfid enthält.
Allein durch dieses stilvoll anmutende Ensemble mit den endlos scheinenden Arkaden dunkeloranger Torii ist der Schrein Fushimi Inari-Taisha eine eigene Welt für sich, die zu den eindrucksvollsten und denkwürdigsten Sehenswürdigkeiten Kyotos gehört. Daher ist es für mich auch nachvollziehbar, warum sehr oft Buchcover von Reiseführern über Japan Fotos von diesem Bauwerk zieren.
Die Ursprünge und Symbolik des Fushimi Inari-Taisha
Die Ursprünge des legendären Schreins reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Eine während dieser Epoche herrschende einflussreiche Familie verehrte Inari Ōkami als Gottheit des Reises, des Sake und der reichen Ernten. Aufgrund seiner Verbindung zur Agrarwirtschaft entwickelte sich die Gottheit schnell zum bevorzugten Schutzherrn der Reisbauern. Später kamen noch weitere Gottheiten hinzu, damit vermehrt auch an anderen Stellen und für andere Berufszweige für geschäftlichen Erfolg und den allgemeinen Wohlstand gebetet werden konnte.

Die Anhänger des Shintoismus waren und sind bei der Anbetung jedoch sehr flexibel, da eine Darstellung der Gottheit nicht existiert und je nach Inhalt des Anliegens und der Region variieren kann.
Um den Glauben zu praktizieren, müssen keine starren Dogmen befolgt oder dicke heilige Bücher gelesen werden, denn die indigene Religion ist vor allem eines: die tief empfundene Verbindung zur Natur und zur Welt der heiligen Kräfte und Geister, die in allem leben können: in einem anmutigen Berg, in einem plätschernden Bach, in einem uralten Baum, ja sogar zu Hause im Spiegel.
Die Schreine, von denen es etwa 40 Tausend in Japan gibt, sind die besten Orte, um mit diesen Kräften und Geistern in Verbindung zu treten. Von all denen ist der Fushimi Inari-Taisha das „Must have to be“-Heiligtum.
Gleich zu Beginn meiner Wanderung werde ich auf zwei rechts und links des Weges stehende Tierfiguren aufmerksam. Im Internet werden sie als die Fuchs-Statuen beschrieben, die oft einen Schlüssel im Maul tragen, ein Symbol für die Schlüssel zu Inaris Reisspeichern. Sie sind die treuen Boten dieser mächtigen Gottheit, die hier auf dem 233 Meter hohen Berg Inari residiert. Oft werden sie von den Gläubigen als die Inkarnation der Gottheit selbst angesehen. Es ist also Vorsicht geboten bei all dem, was man auf dem Weg tut und sagt, weil diese Tiere am Berg vermehrt vorkommen.

Die roten Tücher, die ihnen um den Hals hängen, sind ein Ausdruck der höchsten Verehrung derjenigen, die ein Opfer dargebracht haben. Vielfach haben sie ein großes persönliches Leid erfahren, wie den Tod eines Kindes.
Auch die zehntausend Torii-Tore gehen auf zahlungswillige Spender zurück in der lebendigen Galerie der Dankbarkeit und Hoffnung, die dafür ihren Namen auf der Rückseite eingravieren lassen können.
Die Kosten für die Installation sind nicht unbedeutend und können bei den größeren Exemplaren bis zu siebzigtausend Euro betragen.
Die Opfergabe nimmt die Schreinverwaltung ein, die sich auch um die Vergabe der Spendenplätze kümmert. Als gemeinnütziger Verein werden die erhaltenen Spendenmittel wieder ausgegeben, um die Instandhaltung und den Betrieb sicherzustellen und die Ziele der Organisation umzusetzen. Kein Vergleich zu den vielen Kirchengemeinden in Deutschland, die schon seit Jahren von ihren Rücklagen zehren, um den Kirchenbetrieb am Laufen zu halten.
Nach einer Stunde Wanderung auf dem vier Kilometer langen Weg mit den vielen Abzweigungen und Seitenwegen erreiche ich dessen Ende in der Nähe des Gipfels des Berges Inari.

Die Anzahl der Mitwanderer hat sich in diesem Bereich deutlich reduziert, denn es dämmert bereits. Es ist die Zeit, zu der die Miniaturschreine und Gräber eine geheimnisvolle Aura haben und die Geister sich bereit machen für ihre Nachtschicht.
Im Turboschritt renne ich die Strecke zurück auf die beleuchtete Straße in Kamigyo-ku, dem Ortsteil von Kyoto, wo die unvergessliche Wanderung durch die 10.000 Torii begann.
Beim Hinunterlaufen bleibt mir keine Zeit, meine Schritte mitzuzählen, da ich mich zu sehr auf den Weg konzentrieren muss. Das ist auch gut so, denn so kann ich mir noch einmal das faszinierende Mosaik aus Glauben, Geschichte und Natur in das Gedächtnis rufen, das die Geschichte von einem Volk erzählt, das gelernt hat, im Einklang mit seiner Umgebung zu leben und Spiritualität in den alltäglichen Dingen zu finden.
Lenin, du bist und bleibst ein Großer. Wunderbar wie du deinen Traum vom Leben verwirklichst. Für mich eine große Freude dabei sein zu dürfen.
Du hast die Gabe anderen Menschen fremde Kulturen näher zu bringen. Mögest du noch sehr, sehr lange die Welt bereisen können. Dein Freund Leo