„Der Wind trägt den Duft der Kiefern aus den fernen Tälern, und mein Herz folgt den Pfaden, die ich noch nicht kenne.“
Chi-won, Meisterdichter der Silla-Dynastie im 9. Jahrhundert.
Impressionen von Unterwegs in Südkorea: Collection of Beautiful World
Die Musik zum Roadtrip: Beautiful World
Eindrücke in und von Südkorea
Südkorea ist eines der Länder auf dieser Erde, wo ich mich als Globetrotter sofort heimisch und einfach gut aufgehoben fühle. Alles ist für Außenstehende perfekt organisiert, leicht nachzuvollziehen und gut strukturiert. Jeder in der Bevölkerung hat seinen Platz und eine Aufgabe gefunden, die er täglich mit einem Lächeln ausführt – auch wenn es vielleicht nur oberflächlich sein mag. Dabei scheint es egal zu sein, ob man Türsteher, Putzkraft, Busfahrer oder Manager eines Hotelrestaurants ist.
Mir gefällt die Sauberkeit auf den Straßen, den Plätzen und in den Parks. Selbst die öffentlichen Toiletten können ohne Bedenken überall kostenfrei aufgesucht werden. Alles macht einen gepflegten Eindruck, auch wenn die Zeit an der baulichen Substanz der älteren Gebäude unübersehbar nagt.
Gerade in den Städten fasziniert mich das allgegenwärtige Zusammenspiel aus jahrtausendealter Geschichte und hypermoderner Gegenwart. Nur wenige Schritte trennen die glitzernden Fassaden der Wolkenkratzer von den geschwungenen Ziegeldächern jahrhundertealter Paläste und Tempel. Diese tiefe Verwurzelung in der eigenen Kultur ist überall spürbar, sei es im respektvollen Miteinander im Alltag oder in der lebendigen Tradition, die hier keineswegs museal wirkt, sondern ganz selbstverständlich im Hier und Jetzt gelebt wird. Alles beruht auf der konfuzianischen Lebensphilosophie, bis in unsere heutigen Tage hinein.

Dabei haben die Koreaner sehr leidvolle, lange Perioden der Entbehrung ertragen müssen. Als Bindeglied zwischen China und Japan waren Spannungen unweigerlich vorprogrammiert. Erstaunlich ist für mich, was das Volk in den friedlichen Zeiten zwischen den Konflikten an Leistungen und Innovationen hervorgebracht hat. Und das trotz der geografischen Gegebenheiten, denn etwa siebzig Prozent der Fläche Koreas bestehen aus schwer besiedelbarem, bewaldetem Gebirge. Ein Land, das insgesamt nur etwas größer als Österreich ist.
Das Ende der Diktatur 1987 brachte den Koreanern erst die persönliche Freiheit zurück, ihr Leben ohne Zwang und politischen Druck gestalten zu können. Auch wenn der Druck in der ausgeprägten Leistungsgesellschaft gerade für die jungen Menschen heute ein anderer geworden ist. Denn es gibt wohl nur wenige Länder in der Welt, in denen ihnen so viel abverlangt wird, um den eigenen, richtigen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Norden der Halbinsel ist ihnen dabei zunehmend abhandengekommen. Zu groß sind die gesellschaftlichen Unterschiede und die eigenen Ansprüche an ein glückliches, entbehrungsarmes Leben.
Alle Fäden in Korea laufen in der Hauptstadt Seoul zusammen. Schon allein aus dem Grund, dass rund 26 Millionen Menschen in und um die Megacity leben. Bei aktuell knapp 52 Millionen Einwohnern im ganzen Land ist es fast logisch, dass hier der Puls der Zeit in allen Bereichen schlägt. Es ist eines der größten Ballungsgebiete weltweit.

Während meiner 1700 km langen Reise mit dem Mietwagen von Seoul aus hatte ich die Gelegenheit, ausgewählte Orte im Norden, an der Küste im Osten, im Landesinneren sowie auf der Insel Jeju zu erkunden. Meine Eindrücke und Erlebnisse habe ich in den nachfolgenden Berichten auf unterschiedliche Art und Weise niedergeschrieben. Natürlich können das nur persönliche Momentaufnahmen von einem sein, der lediglich einige wenige Einblicke von außen in das wahre Korea bekommen hat.
Begegnungen an der am schwersten bewachten Grenze der Welt
Es ist Mitte Mai, angenehm warm und die Luft ist klar. Zum Glück ist heute die drückende, schwere Sommerhitze, die hier später im Jahr alles lahmlegt, noch weit entfernt.
Ich bin unterwegs auf einer geführten Tour durch die Demilitarisierte Zone, kurz DMZ. Unser vollbesetzter Tourbus rollt von Station zu Station durch diese surreale, hochgesicherte Landschaft. Um mich herum sitzen Touristen aus aller Welt – Amerikaner, Filipinos und Franzosen –, die genau wie ich schweigend aus den Fenstern blicken.
Kurz darauf befinde ich mich auf der Aussichtsplattform Dora, einem der Haltepunkte der Tour. Unbewegt blicke ich nach Norden in die Weite, wo die Hügel im fahlen Dunst verschwinden. Neben mir steht Kim Ji-hoon, unser Guide. Ji-hoon ist ein erfahrener Mann, Anfang 60, mit wachsamen Augen und graumeliertem Haar unter seiner Basecap. Seine wetterfeste Outdoorjacke sitzt perfekt. Wenn er spricht, geschieht das in einem ruhigen, fließenden Englisch. Man merkt sofort: Der Guide spult hier kein Touristenprogramm ab. Er hat die Geschichte dieses zerrissenen Landes noch selbst miterlebt. Mit einem Blick durch das Fernglas hinüber auf die nordkoreanische Seite rückt unser Begleiter seine Kappe zurechtund bricht das Schweigen.

„Schauen Sie mal dort rüber, wo die flachen, grauen Gebäude stehen“, sagt er leise. „Das ist der Industriepark von Kaesong. Ein echtes Mahnmal der Geschichte. Früher haben dort über einhundert südkoreanische Unternehmen produziert – ein einzigartiges Symbol der Annäherung. Mehr als 50.000 nordkoreanische Arbeiter, zum Großteil Frauen, standen dort täglich an den Fließbändern. Für den Norden war das eine der wichtigsten Quellen für harte Devisen. Die haben damit fast einhundert Millionen Dollar im Jahr an Löhnen eingenommen. Die Arbeiterinnen selbst bekamen davon allerdings fast nichts, weil die nordkoreanische Regierung das Geld nahezu komplett einkassiert und nur einen Bruchteil in wertlosen Coupons oder Landeswährung ausgezahlt hat.“
„Gab es bei dieser engen Zusammenarbeit überhaupt einen persönlichen Austausch?“, frage ich ihn. Ji-hoon nickt. „Das Spannendste war tatsächlich das Verhältnis zwischen den südkoreanischen Managern und den nordkoreanischen Frauen“, sagt er. „Am Anfang herrschte totales Misstrauen, die Frauen durften wegen der strikten Vorgaben ihrer Aufseher kaum den Blick heben. Aber mit der Zeit entwickelte sich eine ganz eigene, stille Dynamik. Weil politische Gespräche strengstens verboten waren, lief vieles über kleine Gesten. Die Südkoreaner brachten beliebte Snacks wie „Choco Pies“ mit zur Arbeit, die zu einer Art Ersatzwährung im ganzen Norden wurden. Es entstanden echte, menschliche Beziehungen im geschützten Raum der Fabrikhallen, völlig abseits der harten Ideologie. Aber man darf sich da keinen Illusionen hingeben: Romantische Liebesbeziehungen gab es absolut nicht. Das Risiko war für beide Seiten viel zu hoch.“
Mich interessiert brennend die Frage, die mir schon seit Beginn unseres Gesprächs durch den Kopf geht: „Hat denn in all den Jahren nie jemand versucht, die Nähe zur Grenze für eine Flucht zu nutzen?“ Der Guide antwortet schnell: „Nein, es ist nie eine einzige Arbeiterin von dort nach Südkorea geflohen, obwohl die Grenze so nah war“, ergänzt er ernst. „Das hatte zwei einfache, aber brutale Gründe: Erstens war die Fabrik eine absolute Hochsicherheitszone, komplett abgeriegelt und von nordkoreanischen Aufsehern und Geheimdienstlern durchsetzt. Ein Fluchtversuch über die am schwersten bewachte Grenze der Welt wäre ein Himmelfahrtskommando gewesen. Und zweitens, das war die mächtigste Barriere, wussten die Frauen ganz genau, was im Falle einer Flucht mit ihren Familien im Norden passieren würde. Das Regime praktiziert bis heute Sippenhaft. Wäre eine Frau geflohen, hätte das für ihre Eltern, Geschwister oder Kinder die sofortige Verschleppung in ein Straflager zur Folge gehabt. Diese Verantwortung hat jede Flucht im Keim erstickt. Südkorea hat die Anlage 2016 geschlossen. Lange Zeit danach war sie eine Geisterstadt im Niemandsland. Der Norden hat aber die Maschinen vor einiger Zeit illegal wieder hochgefahren, um dort heimlich Textilien produzieren zu lassen.“
Ji-hoon senkt das Fernglas ein wenig und deutet mit der Hand nach Westen. „Ein Stück weiter links sehen Sie Kijong-dong, das nordkoreanische Propagandadorf mit dem gigantischen Fahnenmast. Keine echten Bewohner, nur Fassaden und Beton. Schon ein verrücktes Gefühl, oder? Da drüben ist eigentlich alles voller Minen und verlassener Hoffnungen, aber die Natur holt sich das Land zurück.“
Ich nutze die Gelegenheit und stelle ihm die Frage, die mich als Outdoor-Enthusiast nicht loslässt: „Ji-hoon, sag mal, darf sich hier in dieser Zone eigentlich überhaupt jemand frei bewegen? Gibt es Menschen, die hier leben oder wandern?“ „Die kurze Antwort? Ja, aber unter extrem harten, militärischen Bedingungen“, sagt er und schaut mich direkt an. „Frei bewegen darf sich hier absolut niemand. Aber es gibt zwei große Ausnahmen: Bauern und Wanderer.“
Erstaunt blicke ich ihn an: „Echt? Bauern mitten in der DMZ?“ „Genau. Direkt da drüben, auf unserer Seite der DMZ, liegt das Dorf Daeseong-dong. Wir nennen es oft Freedom Village. Da leben fast nur Bauern. Aber ihr Alltag ist streng geregelt. Wenn die auf ihre Reisfelder gehen, stehen Soldaten vom UN-Kommando daneben und bewachen sie. Abends gibt es eine strikte Ausgangssperre, meistens ab elf Uhr nachts. Das Militär zählt jeden Abend durch, ob auch wirklich alle in ihren Häusern sind.“
Bei der Vorstellung zieht sich mir der Magen zusammen. „Das klingt nach enormem psychischen Druck. Warum bleibt man da?“ Ji-hoon versteht meine Bedenken: „Der Staat gleicht das aus. Die Bewohner zahlen keine Steuern, keine Miete, und die Männer müssen nicht zum Militärdienst, was in Korea eine riesige Sache ist. Außerdem ist der Boden dort seit 1953 unberührt. Ihr „DMZ-Reis“ und der Ginseng verkaufen sich zu Höchstpreisen. Die verdienen richtig gut. Aber du kommst da nicht einfach so rein. Du musst dort geboren sein, von den Familien von 1953 abstammen oder eine Frau sein, die dort hineinheiratet. Männer dürfen im Regelfall nicht in diese Zone umsiedeln. Es sei denn, in einer Familie gibt es absolut keine männlichen Erben und der Dorfrat macht eine seltene Ausnahme.“
„Und wie sieht es mit Wandern aus? Ich habe von Wegen durch ein ökologisch einzigartiges Revier mit einer völlig unberührten Natur gehört.“ Ji-hoon schüttelt ruhig den Kopf. „Vergiss normales Trekking oder Zelten. Wer hier von den Wegen abweicht, steht sofort in einem unkartierten Minenfeld. Lebensgefährlich. Aber die Regierung hat die DMZ Peace Trails eingerichtet, zum Beispiel in Paju oder Cheorwon. Da läuft man in einer Gruppe, eskortiert von Soldaten, direkt am Grenzzaun entlang. Aber ohne vorherige Online-Registrierung und Passkontrolle im Bus läuft gar nichts.“
„Und Fotografieren?“, frage ich ihn. „Nur an ganz bestimmten Punkten. Wenn sich die Lage zwischen Nord und Süd zuspitzt, wird alles sofort ohne Vorwarnung gesperrt.“
Er macht eine kurze Pause, gibt der Gruppe ein Zeichen, damit wir wieder in den Bus einsteigen, der uns zur nächsten Station der Tour durch die DMZ bringt: dem Dritten Infiltrationstunnel. Der Weg dort führt in dem beengten Gang dreihundert Meter steil nach unten, tief in den dunklen Granit. Die Luft wird schlagartig kühl, fast fröstelig. Feuchtigkeit schimmert auf den nackten Felswänden. Es wird immer enger.

Die bedrückende Enge des finsteren Schachts wirft bei mir sofort eine Frage auf: „Diese Tunnel, was genau hatten die Nordkoreaner damit vor?“ „Das war für einen absoluten Blitzangriff gedacht“, flüstert Ji-hoon. „Sie wollten schwer bewaffnete Truppen unbemerkt unter den Minenfeldern durchschleusen. Durch die größeren Tunnel hätten bis zu 30.000 Soldaten pro Stunde marschieren können, direkt hinter unsere Verteidigungslinien. Als wir die Anlage entdeckten, hat Nordkorea als Erklärung behauptet, das seien Kohleminen. Sie haben sogar die Wände mit Kohlenstaub eingeschwärzt! Völlig absurd. Geologen haben sofort gesehen, dass das hier purer Granit ist. Da gibt es nirgendwo Kohle.“
„Aber wie kann man jahrelang so tief graben, ohne dass man im Süden etwas hört?“, will ich von ihm wissen. „Zwei Gründe“, sagt Ji-hoon und legt seine Hand auf den kalten Fels. „Das ist massiver Granit, fünfzig bis einhundertfünfzig Meter tief. Der dämpft jeden Schall. Sie haben ihre Sprengungen immer so getaktet, dass oben ohnehin gerade Artillerieübungen liefen oder die lauten Propaganda-Lautsprecher an der Grenze dröhnten. Das hat den Lärm perfekt maskiert. Und sie haben die Tunnel mit einem leichten Gefälle nach Norden gebaut, damit das Grundwasser zu ihnen abfließt und bei uns keine Schlammlöcher entstehen.“
Während wir den steilen Gang weiter hinabsteigen, lässt mir eine Sache keine Ruhe: „Und wie sind sie dann aufgeflogen?“ „Eine Mischung aus Glück und guten Augen“, erklärt er, während wir Schritt für Schritt tiefer steigen. „1974 bemerkte eine Grenznachhut plötzlich Dampf, der aus dem Boden stieg. Das war der erste Tunnel. Kurz darauf untersuchte ein Team den Schacht. Tragischerweise starben dabei ein US-Kommandeur und ein südkoreanischer Major durch eine nordkoreanische Sprengfalle. Beim zweiten Tunnel haben Grenzer feine Vibrationen im Boden gespürt. Wir haben einhundert Löcher gebohrt, bis ein Bohrer ins Leere fiel. Und dieser hier, der dritte Tunnel, wurde uns von einem nordkoreanischen Überläufer verraten, der selbst daran mitgebaut hatte.“
Meine Schritte werden langsamer. In dieser feuchten Dunkelheit drängt sich mir die entscheidende Frage auf: „Sind die südkoreanischen Soldaten damals eigentlich durchgelaufen, um zu sehen, wo er endet?“Ji-hoon stutzt, hält an und dreht sich mit ernstem Blick zu mir um. „Nein, auf keinen Fall“, winkt er sofort ab. „Unsere Pioniere und die UN-Truppen sind extrem vorsichtig vorgegangen. Als der Abfangschacht den Tunnel im Oktober 1978 endlich traf, wusste keiner, ob die Nordkoreaner noch da drin sind oder Sprengfallen hinterlassen haben. Unsere Soldaten sind nur bis zur tatsächlichen Grenze unter Tage vorgerückt, der Militärischen Demarkationslinie. Dahinter beginnt die absolute Todeszone. Niemand hat jemals einen Fuß auf die nordkoreanische Seite gesetzt. Wir haben den Tunnel sofort verblockt. Gleich da vorne wirst du es sehen: Der Tunnel ist nach Norden hin mit drei dicken Betonmauern komplett einbetoniert und versiegelt.“
„Sollten die Tunnel eigentlich den ganzen Weg bis nach Seoul führen?“, frage ich. „Nein, das wäre logistisch unmöglich gewesen. Der Plan war, die Tunnel ein bis zwei Kilometer hinter der DMZ in unwegsamen, dicht bewaldeten Tälern enden zu lassen. Die Soldaten sollten nachts unbemerkt herauskommen, die Stellungen von hinten überrennen und die Straßen blockieren. Weil Seoul so nah an der Grenze liegt, hätte die Armee die Hauptstadt innerhalb weniger Stunden überrollen können, bevor die Amerikaner oder unsere Hauptstreitkräfte überhaupt reagiert hätten.“
Die Vorstellung von Truppenbewegungen unter diesem nassen, grauen Boden lässt mich frösteln. „Bauen sie denn heute immer noch neue Tunnel? Ji-hoon nickt langsam. „Unsere Experten sind sich sicher: Ja, es gibt wahrscheinlich noch an die zwanzig unentdeckte Tunnel. Wir haben Spezialeinheiten, die den Boden ständig mit Seismografen überwachen und Testbohrungen machen. Aber die strategische Bedeutung hat sich verändert. Heute setzt der Norden viel mehr auf weitreichende Artillerie, Raketen und Drohnen. Der aufwendige Tunnelbau ist militärisch nicht mehr so entscheidend wie in den 70ern. Deshalb haben wir seit 1990 auch keinen neuen mehr physisch lokalisiert.“
Wir erreichen schließlich die Absperrung. Eine wuchtige Betonwand stoppt abrupt jeden weiteren Schritt nach Norden. Ji-hoon schaut kurz auf seine Uhr. Wir kehren um, steigen wieder in den Bus und fahren weiter tief in die Sicherheitszone hinein, bis wir das JSA-Dorf, die Joint Security Area, in Panmunjom erreichen. Draußen stehen die blauen Baracken im harten Kontrast zum grauen Beton.

Als ich Anstalten mache, Richtung der Baracken zu gehen, hält Ji-hoon mich sanft zurück. „Ein Besuch der Baracken ist momentan leider nicht erlaubt“, sagt er mit bedauerndem Ton. „Die Sicherheitsauflagen hier drinnen wechseln ständig, je nach politischer Lage. Wir müssen heute im Bus und auf den freigegebenen Wegen bleiben.“
Er blickt aus dem Busfenster auf die schweigenden Gebäude. „Apropos Militär“, sagt er mit einem matten, nachdenklichen Lächeln. „Das ist das Thema, das uns alle in Südkorea sehr beschäftigt. Als ich Anfang der 80er Jahre meinen Dienst geleistet habe, war die Stimmung noch viel geladener als gegenwärtig. Das System ist bis heute extrem streng. Mit achtzehn wirst du registriert, mit neunzehn kommt die Musterung. Da wirst du in Grade eingeteilt. Wer topfit ist, geht an die Waffe. Wer Einschränkungen hat, macht Zivildienst, in Behörden oder U-Bahn-Stationen, für einundzwanzig Monate. Man kann den Dienst zwar wegen des Studiums aufschieben, aber bis achtundzwanzig muss jeder ran.“
„Gibt es gar keine Ausnahmen? Was ist mit Sportlern oder Musikern?“, will ich von unserem Guide wissen. „Ein wirklich schweres Thema bei uns“, seufzt er und lehnt sich kurz im Bussitz zurück. „Befreiungen sind extrem selten und gesellschaftlich total verpönt. Wer sich drückt, hat bei uns verloren. Sportler, die bei Olympia eine Medaille holen oder Gold bei den Asienspielen, werden vom aktiven Dienst befreit. Die machen nur ein kurzes Basistraining. Bei K-Pop-Stars wie BTS gab es endlose Debatten. Sie durften es bis dreißig aufschieben, aber am Ende mussten alle einrücken. Die letzten kamen erst Mitte vergangenen Jahres wieder raus. Und bei Doppelstaatsbürgern ist es knallhart: Du musst dich mit achtzehn entscheiden. Wenn du den koreanischen Pass behältst, ziehst du die Uniform an. Wer sich im Ausland versteckt, wird mittlerweile bis zum Alter von fünfundvierzig Jahren strafrechtlich verfolgt.“
Während Ji-hoon spricht, muss ich unwillkürlich an meinen eigenen Wehrdienst zurückdenken. Die ganze Härte und Unerbittlichkeit des militärischen Systems ist mit meinen eigenen Erinnerungen sehr gut zu vergleichen.
„Und wie ist das Leben als Soldat heute bei euch?“, frage ich, um den Bogen zurück in die Gegenwart zu schlagen. „Es ist besser geworden. Ein Sergeant verdient mittlerweile um die zwei Millionen Won, das sind so 1.400 Euro, wenn man die staatlichen Sparzuschüsse mitrechnet. Zu meiner Zeit war das ein Taschengeld. Aber mit dem aktiven Dienst ist es nicht vorbei. Danach bist du sechs Jahre in der Reserve und musst jedes Jahr zu mehrtägigen Pflichtübungen.“
Ji-hoon blickt nach draußen, starr hinüber zur Grenze, die irgendwo dort drüben im dichten Grün verläuft. „Aber das ist nichts gegen das Leben dort drüben. Im Norden gilt das Songun-Prinzip – Militär zuerst. Die haben eine der größten Armeen der Welt, fast fünf Prozent der Leute sind im Dienst. Mit siebzehn, direkt nach der Schule, geht es los. Und die Dienstzeiten sind brutal: Männer dienen standardmäßig zehn Jahre, in Spezialeinheiten oft dreizehn. Und auch Frauen werden flächendeckend für viele Jahre eingezogen.“ Das unvorstellbare Ausmaß dieser Zahlen macht mich nachdenklich. Dann entgegne ich: „Zehn bis dreizehn Jahre? Das ist ja das halbe junge Leben!“
„Ja, und das Schlimmste ist: Die meiste Zeit trainieren sie nicht mal für den Kampf. Sie werden als kostenlose Arbeitskräfte auf Großbaustellen, in Minen oder in der Landwirtschaft eingesetzt. Geflüchtete erzählen schreckliche Dinge über die Versorgung. Hunger und Unterernährung sind in den Kasernen völlig normal. Und selbst nach den zehn Jahren bleiben sie oft bis vierzig in Teilzeit-Milizen verpflichtet. Das ist eine völlig andere Welt.“
Der Bus wendet und bringt uns langsam wieder zurück in Richtung des Ausgangspunkts der Tour „Genug von Tunneln und Armeen“, sagt Ji-hoon schließlich, während sich seine Mienenzüge wieder aufhellen. „Wenn Sie nach dieser Grenztour mal eine völlig andere Seite von Korea sehen wollen – fliegen Sie nach Jeju. Ich war erst letzten Monat dort.“
Als wir am Ende der Tour aussteigen, wärmt die angenehme Mai-Sonne mein Gesicht. Unser Tourguide schwärmt mit spürbarer Begeisterung weiter: „Der Wechsel vom Wanderschuh in den Neoprenanzug ist das Beste, was man machen kann. Man taucht ein in eine komplett andere Unterwasserwelt. Zwischen dunklem Lavagestein, im tiefen Blau des Meeres an der Südküste… diese absolute Stille unter Wasser. Das ist der perfekte Kontrast zu dem ganzen Lärm und den Zäunen hier oben.“
Ich verabschiede mich von ihm mit einem festen Händedruck. Während unser Bus sich endgültig von der schwer bewachten Grenze entfernt, gehen mir seine Worte nicht aus dem Kopf. Diese beklemmenden Eindrücke, der nackte Granit des Tunnels und die Geisterbauten von Kaesong werden mich noch lange begleiten. Aber genau in diesem Moment fasse ich einen Entschluss. Später auf meiner Reise tausche ich die Wanderschuhe gegen den Neoprenanzug, um diese vollkommene Stille im tiefen Blau des Ozeans zu suchen.
Wo die Natur die Wunden der Geschichte heilt: Unterwegs im Hantangang UNESCO Global Geopark
Nur wenige Stunden nach den beklemmenden Eindrücken an der Grenze finde ich mich in einer völlig anderen Welt wieder, obwohl sie geografisch gar nicht weit entfernt liegt. Mein Weg hat mich nach Pocheon-si geführt, in die Provinz Gyeonggi-do. Ich stehe am Ufer des Hantan-Flusses, mitten im UNESCO Global Geopark. Nach der Enge des Dritten Infiltrationstunnels und den starren Zäunen der DMZ wirkt die unendliche Weite dieses Tals wie ein tiefes Aufatmen.

Die Luft ist noch immer klar, die Mai-Sonne scheint am späten Nachmittag sanft auf meine Schultern. Vor mir windet sich der Fluss wie ein smaragdgrünes Band durch eine spektakuläre, tief eingeschnittene Schlucht. Es ist still hier – aber es ist eine völlig andere Stille als die nervöse, geladene Ruhe an der Demarkationslinie. Hier dominiert das gleichmäßige Rauschen des Wassers und das leise Rascheln der Blätter im Wind.
Ich schnüre meine Wanderschuhe fester und starte die Tour. Meine Route führt mich zunächst steil bergauf, weg vom Flussufer, hinein in die dichten, bewaldeten Hügel. Der Pfad verlangt mir einiges ab; es geht über Stock und Stein, und die Höhenmeter machen sich schnell in den Waden bemerkbar. Doch jeder Schweißtropfen lohnt sich: Als ich den Kamm des Hügels erreiche, eröffnet sich mir ein atemberaubender Panoramaausblick über das gesamte Flusstal. Von hier oben sieht man, wie sich der Hantan-Fluss in engen, dramatischen Schleifen durch das Lavagestein gefressen hat.
Diese Landschaft birgt ihre ganz eigene, uralte Geschichte, die ihr auch den begehrten Status eines UNESCO-Geoparks eingebracht hat. Der Hantangang ist kein gewöhnlicher Fluss, sondern ein weltweit seltenes geologisches Phänomen. Vor Hunderttausenden von Jahren floss hier glühende Lava nach mehreren Vulkanausbrüchen aus dem heutigen Nordkorea durch das Tal und bildete eine dicke Basaltdecke. Als das Wasser des Flusses sich über Jahrtausende seinen Weg zurückeroberte, schnitt es sich tief in diese harten Schichten hinein.
Das Ergebnis sieht man direkt vor sich an den steilen Klippen: gigantische, hexagonale Basaltsäulen, die heute wie von Geisterhand senkrecht aus dem Wasser ragen. Genau diese Kombination aus einem vulkanischen Lavastrom, der einem bestehenden Flusstal folgte, und der darauffolgenden tiefen Erosion durch das Wasser macht die Region international so einzigartig. Man begreift beim Blick in diese Schlucht sofort, dass dieses Gebiet zu Recht in das globale Netzwerk der UNESCO-Geoparks aufgenommen wurde. Es ist faszinierend: Während der Mensch an der Grenze Zäune zieht und Mauern betoniert, hat die Natur hier ihre eigenen, unbezwingbaren Festungsmauern aus purem Stein erschaffen.
Ich folge dem Pfad wieder hinunter ins Tal, überquere den Fluss und halte kurz inne, um das klare Wasser zu beobachten, das träge an den dunklen Felsformationen vorbeigleitet. Neben den vulkanischen Klippen verbirgt das Tal noch ältere Geheimnisse – von Jahrmillionen alten Granitfelsen, die unter der Lava liegen, bis hin zu historischen Fundstätten, die zeigen, dass hier schon in der Altsteinzeit Menschen lebten. Ein paar Kilometer weiter nördlich, in Nordkorea, entspringt dieser Fluss. Er schert sich nicht um Ideologien, Minenfelder oder Stacheldraht. Er fließt einfach. Er verbindet, was der Mensch getrennt hat.
Am Ende meines Weges blicke ich ein letztes Mal über das friedliche Tal und muss an Ji-hoons Worte denken. Die Natur holt sich das Land zurück. Hier, am Hantangang, hat sie es längst getan.

Wenn eine Sekunde die Welt auf den Kopf stellt: Mein unfreiwilliges Abenteuer in den Bergen Südkoreas
Es gibt diese Momente auf Reisen, in denen man die Zeit am liebsten anhalten möchte. Nicht, weil sie so schön sind, sondern weil man genau weiß: Ab jetzt wird alles anders. Doch von vorn.
Mein Plan für das Wochenende klingt perfekt: Vom Hantangang River Park aus soll es mit dem Mietwagen hoch in den Norden gehen, tief hinein in die raue Natur des Seoraksan-Nationalparks. Mein Tagesziel sind atemberaubende Gipfel, dichte Wälder und die Einsamkeit der Berge. Doch die Realität auf Koreas Highways sieht am Wochenende anders aus. Der Verkehr schleppt sich nur zäh voran. Ganz Korea scheint auf den Beinen zu sein. Familien im Wanderoutfit drängen sich in ihren heimischen SUVs Stoßstange an Stoßstange, um das freie Wochenende bei gutem Essen, Wellness und Natur zu verbringen. An den Raststätten herrschte Volksfeststimmung. Überall duftete es nach deftigen, sehr fleischlastigen Gerichten, die in den unzähligen Schnellrestaurants im Akkord über die Ladentische gehen. Mit maximal 100 Kilometern pro Stunde rolle ich im Strom der Masse mit, während draußen die bewaldeten Bergrücken des Seoraksan-Nationalparks vor mir im Dunst aufragen – eine bizarre, majestätische Felslandschaft, die das perfekte Wandergebiet verspricht.

Spät am Nachmittag erreiche ich schließlich das Besucherzentrum des Nationalparks. Die Luft ist klar, die Vorfreude riesig. Ich packe meine Sachen und gehe los. Den Blick fest auf die Wanderkarte gerichtet, um die Route für die kommenden Tage zu studieren, achte ich kaum auf den Weg. Ein fataler Fehler.
Plötzlich, wie aus dem absoluten Nichts, verliere ich den Halt. Der Weg ist mit eigentlich harmlos wirkenden, wellenförmig gemusterten Pflastersteinen in Grün und Rot ausgelegt. Doch mitten in diesem bunten Muster klafft eine tückische Falle: Mehrere Steine fehlen völlig, In den tiefen, sandigen Löchern dazwischen bleiben meine Füße hängen. Mein linker Fuß knickt brutal um – trotz der hohen, stabilen Wanderschuhe. In der Stille des Nachmittags nehme ich ein hässliches, dumpfes Geräusch wahr. Es klingt wie das Brechen eines morschen Astes im Unterholz. Sofort schießt mir ein eisiger Schock durch den Körper, der mich erzittern lässt. Es ist haargenau dieselbe Stelle am Fußgelenk, die ich mir 2017 an der Küste von Hongkong schon einmal gebrochen habe.
In Sekundenbruchteilen bricht für mich eine Welt zusammen. All die Pläne, die Vorfreude, die Reise – weggewischt. Ich sitze auf den kaputten Pflastersteinen und könnte vor Schmerz, Frust und schierer Hilflosigkeit laut heulen. Was nun tun? Das nächste Krankenhaus liegt im zwanzig Kilometer entfernten Sokcho, doch an Autofahren ist in diesem Zustand nicht zu denken. Mit letzter Kraft rette ich mich in ein einfaches, rotes Backstein-Hostel in dem kleinen Bergdorf direkt unterhalb der wolkenverhangenen Gipfel. Die Herbergseltern reagieren sofort mit rührender, typisch koreanischer Gastfreundschaft. Sie versorgen mich, legen mir ein Tape an und helfen, wo sie können.
Die Nacht ist lang und von Sorgen geprägt. Ich lagere das Bein hoch auf einem Kissen, kühle es unaufhörlich und starre im fahlen Licht der Unterkunft immer wieder besorgt auf mein Gelenk. Zu meinem Erstaunen zeigt sich beim Blick auf den Fußrücken keine dunkle Verfärbung; die Sehnen und Venen zeichnen sich trotz einer Schwellung am Außenknöchel noch überraschend gut ab. Per Smartphone spiele ich im Chat alle denkbaren Szenarien durch und habe mit der KI von Google einen ständigen Ratgeber an meiner Seite. Die digitale Rückmeldung lautet einhellig: Ruhigbleiben, kühlen und den Fuß schonen.
Am nächsten Morgen folgt der Realitätscheck. Die geplante, achtstündige Bergtour ist natürlich endgültig gestorben. Stattdessen heißt es: Zähne zusammenbeißen, Sachen packen und irgendwie zum Auto kommen. Ich steuere den Wagen vorsichtig mit dem gesunden Fuß in die nächstgrößere Stadt Sokcho. Mein Ziel ist das dortige *Sokcho Medical Center* – ein moderner, hellblauer Glasbau. Ich habe riesiges Glück: Die Notaufnahme hat geöffnet. In Korea ist das aufgrund des akuten Ärztemangels am Wochenende absolut keine Selbstverständlichkeit. Drinnen ist es seltsam ruhig. Unter den großen Postern der Chefärzte im hellen, klinischen Eingangsbereich schleppe ich mich zur Anmeldung.

Da der Arzt kaum Englisch spricht, lösen wir die Sprachbarriere mit einer koreanischen Übersetzungs-App auf dem Handy. In Südkorea nutzt man dafür oft ganz eigene, lokale Programme, da aus Angst vor Spionage durch den nördlichen Nachbarn viele globale Kartendienste und Apps nur eingeschränkt funktionieren. Nach bangen Minuten des Wartens und Röntgenaufnahmen aus allen Lagen dann die erlösende Nachricht: Kein neuer Bruch! Es handelt sich vermutlich um eine schwere Bänderdehnung und eine Reizung der alten Verletzung. Mit einer detaillierten Quittung über 166.410 Won, umgerechnet etwa 100 Euro, für die Versicherung und einem grünen Rezept für entzündungshemmende Schmerzmittel verlasse ich die Klinik und hole die Medikamente in der nächsten Apotheke ab.
Der Weg führt mich weiter nach Süden in die Küstenstadt Gangneung. Die Fahrt auf dem Highway ist dank des schmerzfreien „Bremstests“ machbar, allerdings hält die Logistik die nächste Hürde bereit. Um die elektronische Mautkarte im Auto aufzuladen, brauche ich dringend Bargeld. Doch die einheimischen Bankautomaten verweigern meinen deutschen Visakarten strikt den Dienst. Wieder verbringe ich wertvolle Minuten im Austausch mit der digitalen Hilfestellung auf dem Smartphone, teste verschiedene Menüführungen und schaffe es schließlich über Umwege gemeinsam mit der KI, den Automaten zu überlisten und ein paar Geldscheine in den Händen zu halten. Die Weiterfahrt ist gerettet.
Den Rest des Tages erkunde ich Gangneung – allerdings fast ausschließlich aus den Fenstern meines Mietwagens. Die Entfernungen hier sind einfach zu groß, um sie zu Fuß zu bewältigen. Jeder Schritt auf dem Asphalt verlangt mir höchste Konzentration ab. Dennoch lohnt sich die langsame Fahrt: Ich rolle die kilometerlange, von tiefgrünen Kiefern gesäumte Strandpromenade entlang, blicke auf das tiefblaue Meer und statte der berühmten Kaffeestraße am Anmok-Strand einen Besuch ab, wo sich ein modernes Café an das nächste reiht.


Am Abend liege ich nun auf dem Bett in dem einfachen Motel in Strandnähe. Ich blicke auf meinen hochgelegten, bandagierten Fuß und bin einfach nur dankbar, dass dieser turbulente Albtraum in den Bergen ein so glimpfliches Ende gefunden hat. Morgen geht es mit dem Auto weiter in das Landesinnere, um die historischen Welterbestätten zu erkunden. Die Reise im Land der Morgenstille geht weiter, wenn auch ein bisschen langsamer und achtsamer als geplant.
Im Land der Morgenstille: Eine Reise durch Koreas spirituelle Mitte
Es ist früh am Morgen. Der Asphalt ist noch kühl von der Nacht, als ich meinen KIA-Mietwagen in der Nähe meiner Unterkunft am Strand von Gangneung anlasse.
Beim Einsteigen in das Auto überlege ich kurz, wofür die Abkürzung KIA eigentlich steht. Ich weiß es in diesem Moment nicht und schaue kurz nach: Das „Ki“ steht im Koreanischen für „Aufsteigen“ oder „Hervorkommen“, das „A“ für Asien. Zusammen bedeutet der Name also so viel wie „Aufstieg aus Asien“. Ein ziemlich passender Slogan, wenn man bedenkt, wie dynamisch sich Südkorea nach dem verheerenden Koreakrieg aus bitterster Armut zu einer führenden Wirtschaftsnation entwickelt hat.
Vor mir liegt der weite Weg nach Südwesten, hinein ins bergige Landesinnere der Halbinsel. Im Rückspiegel verschwinden das tiefe Blau des Meeres und die Silhouette der modernen Küstenstadt. Das Reisetempo ist bewusst moderat gewählt. Es passt zur Landschaft. Und es wird jenem alten Namen gerecht, den westliche Missionare einst der Halbinsel gaben: „Das Land der Morgenstille“. Auch für mich ist das eine treffende Beschreibung für die tiefe, ländliche Ruhe abseits der großen, hochtechnologisierten Ballungsräume.
Die perfekt ausgebaute Straße zieht sich hinauf in die Höhenzüge des Taebaek-Gebirges. Rechts und links der Fahrbahn verändert sich für mich das Bild beim Hinausschauen aus den Fenstern. Neben satten, gesunden Abschnitten in verschiedenen Grüntönen fallen mir immer wieder kahle, braune Nadelbäume und abgestorbene Waldstücke ins Auge. Der Anblick hat etwas seltsam Vertrautes und erinnert unwillkürlich an die von Schädlingen gezeichneten Fichtenwälder in Mitteleuropa.
Auch hier, entlang der ostkoreanischen Bergstraßen, hinterlässt das Baumsterben sichtbare Narben. In den betroffenen Regionen führt das längst zu Umdenken und Diskussionen über widerstandsfähigere Arten, etwa die japanische Zypresse, um die geschädigten Areale wieder aufzuforsten.
Schließlich weichen die kahlen Hänge wieder dichterem Wald, während die Route sanft nach Westen abfällt. Nach gut 130 Kilometern Fahrt durch die Ausläufer der Berge biege ich vor dem eigentlichen Tagesziel ab, hinein in die Stille des Bongjeongsa-Tempels, dessen Name an den „Besuch des Phönix“ erinnert. Er liegt einsam an den Hängen des Cheondeungsan, dem „Berg der Himmelslaterne“. Wer vor den schlichten Holzhallen steht, spürt das Alter dieses Ortes sofort. Es ist ein historischer Rückzugsort buddhistischer Mönche, entstanden während einer radikalen Zeitenwende. Als im 14. Jahrhundert die damals herrschende Goryeo-Dynastie durch einen Militärputsch von den neuen Joseon-Herrschern abgelöst wurde, erlebte das Land einen tiefen gesellschaftlichen Umbruch. Der Buddhismus, über ein Jahrtausend lang mächtige Staatsreligion, wurde drastisch unterdrückt.

Die Gründe dafür waren handfest und pragmatisch. Zum einen ging es schlicht um Geld und Macht. Die Klöster waren gegen Ende der alten Dynastie extrem reich geworden, besaßen riesige Ländereien, zahlten keinerlei Steuern und mischten sich massiv in die Hofpolitik ein. Für die neuen Herrscher war die Enteignung der Tempel eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Zum anderen brachte die neue Elite den Neokonfuzianismus aus China mit. Für diese Denker war die Weltflucht der Mönche pflichtvergessen. Wer die Familie verlässt und ehelos bleibt, verletzte in ihren Augen die grundlegendste Pflicht der kindlichen Pietät.

Um sich politisch zu legitimieren, brach man radikal mit der buddhistischen Vergangenheit. Die Mönche zogen sich tief in die Einsamkeit der Berge zurück, weit weg von den Machtzentren. Diese Abgeschiedenheit prägt Bongjeongsa bis heute. Kein Prunk, keine großen Gesten, nur altes Holz, das über Jahrhunderte Wind und Wetter unbeschadet standhält.
Diese damaligen religiösen Spannungen regen mich zum Nachdenken an. Sowohl Buddha als auch Konfuzius waren im 5. und 6. Jahrhundert vor Christus im Grunde keine Religionsstifter, sondern weltliche Denker und Sozialreformer. Sie legten den Fokus ganz ohne göttliche Offenbarungen auf das Hier und Jetzt. Während Konfuzius eine pragmatische Gesellschaftsphilosophie für das harmonische Zusammenleben in Familie und Staat schuf, begründete Buddha eine praktische Psychologie zur Selbsthilfe des menschlichen Geistes.

Erst Jahrhunderte später wurden beide auf göttliche Podeste gehoben. Aus Lebensphilosophien wurden damit Religionen, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder gegenseitig beeinflussten, verdrängten oder einander eingemeindeten, um Kontinuität und Vertrautheit in der Bevölkerung zu schaffen. Auch, um den Herrschenden ihre Macht zu sichern.
Vom Tempel aus sind es nur knapp 30 Kilometer nach Süden, um das eigentliche Herz der Region Gyeongsangbuk-do zu erreichen. Die Fahrt führt zum Hahoe Folk Village, das westlich der Stadt Andong liegt. Das Dorf befindet sich in einer markanten, engen Schleife des Nakdong-Flusses, fast vollständig isoliert von der modernen Welt.

Die Bezeichnung Hahoe beschreibt diese Geografie perfekt, denn sie bedeutet übersetzt so viel wie „vom Fluss umarmt“. Zwischen den stroh- und ziegelgedeckten schlichten Häusern des Ortes steht die Zeit still, so scheint es mir. Die schnörkellose Architektur fügt sich flach und respektvoll in die Landschaft ein, während auf der anderen Flussseite die Buyongdae-Klippe steil aufragt, deren Name sich frei als „Klippe der Lotusblüte“ wiedergeben lässt.
In den staubigen Gassen der kleinen Siedlung spürt man die jahrhundertealte Geschichte des Pungsan Ryu-Clans hautnah. Wenn ein ganzes Dorf über Generationen hinweg von nur einer einzigen Familie bewohnt und beherrscht wird, drängt sich mir die Frage nach der genetischen Vielfalt auf. Doch das neokonfuzianische System regelte das rigoros über ein striktes Gebot: Wer denselben Nachnamen trug und aus demselben Ursprungsort stammte, durfte untereinander absolut nicht heiraten. Die Söhne blieben im Dorf, mussten ihre Frauen aber aus völlig fremden Clans von außerhalb holen, während die eigenen Töchter wegzogen. So blieb die politische Macht fest im Dorf konzentriert, während sich der Genpool gesund erhielt.

Neben dieser strengen Ordnung begegnet man in Hahoe aber auch einem Ventil für den Druck innerhalb der Gemeinschaft. Zählte das Dorf zu seiner Blütezeit noch rund 300 Häuser, so ist es heute auf etwa 150 Haushalte geschrumpft. Es ist die Tradition der Hahoe-Masken, mit denen die Dorfbewohner damals und heutzutage für die Besucher die starre gesellschaftliche Hierarchie humorvoll aufs Korn nahmen.

Erst am Abend folgt für mich der Wechsel in die Gegenwart. Ich verlasse das Flussufer und fahre die wenigen Kilometer zurück nach Osten, hinein in das neue Regierungsviertel von Andong. Eigentlich gilt die Stadt als die historische Wiege der alten koreanischen Kultur. Doch in dem Gebiet, wo sich mein Hotel für die Übernachtung befindet, steht der Name für einen radikalen Bruch. Das Viertel wirkt wie auf dem Reißbrett geplant: breite Straßen, funktionale Wohnsilos, monotone Shopping-Klötze. Hier zeigt sich die kühne Vision der Stadtplaner. Im Jahr 2016 zog die gesamte Provinzregierung aus der nahen Millionenmetropole Daegu hierher in den Norden. Der Grund war simpel: Man wollte frisches Leben in die ländliche Provinz bringen und der völlig überlaufenen Großstadt etwas Druck aus dem beengten Alltag nehmen.
Was vor zehn Jahren auf dem Papier begann, ist heute Realität. Und es wird ungerührt weitergebaut. Aus der reinen Verwaltungsstadt soll ein moderner Wohn- und Tech-Standort werden. Ein künstliches Zentrum, das sich erst noch mit echtem Leben füllen muss. Irgendwann sollen hier einmal über 100.000 Menschen wohnen. Das alles erinnert mich ungemein an die Mega-Projekte in China, wo insbesondere im Westen des Landes alles für die Zukunft zentralistisch geplant und umgesetzt wird – ganz nach dem Motto „Go West“.
Beim abendlichen Herumstreifen auf der Suche nach einem Restaurant fühle ich mich in dieser riesigen Bauwüste ziemlich verloren. Und doch: So steril die Kulisse im Moment auch wirkt, der schiere Mut und die Konsequenz dieses modernen Stadtplans beeindrucken mich.
Nach der Übernachtung im Neubaugebiet fahre ich am nächsten Morgen früh ins Zentrum von Andong, das alte Stadtgebiet. Fast an jeder Straßenecke fallen mir zumeist tanzende kleine Gruppen von jungen Menschen auf, die rhythmisch mit vorher einstudierten Choreografien unentwegt tanzen und den Vorbeikommenden fröhlich zuwinken. Das bunte, fast schon K-Pop-artige Treiben hat einen sehr konkreten Hintergrund: Es ist Wahlkampf in Korea. Das Land steht kurz vor den landesweiten Kommunalwahlen Anfang Juni, bei denen Bürgermeister, Provinzgouverneure und lokale Parlamente gewählt werden. Da der offizielle Straßenwahlkampf gesetzlich auf ein kurzes Zeitfenster von knapp zwei Wochen beschränkt ist, nutzen die Parteien jede Minute, um die noch unentschlossenen Wähler auf ihre Seite zu ziehen.

Die tanzenden Akteure sind passend dazu in den auffälligen Einheitsfarben der jeweiligen Parteien gekleidet. Mit politischer Überzeugung hat der Einsatz der Jugendlichen allerdings in den allermeisten Fällen nichts zu tun. Für sie ist das bunte Spektakel ein rein pragmatischer, wenn auch anstrengender Gelegenheitsjob.
Organisiert von professionellen Agenturen stehen die jungen Leute oft von morgens 7 Uhr bis abends 19 Uhr an den lauten Straßenkreuzungen, um ununterbrochen zu lächeln, sich zu verbeugen und synchron zu performen. Dafür werden sie allerdings auch gut entschädigt: Mit einem festen Tagessatz von umgerechnet oft zwischen 70 und 120 Euro sowie freier Verpflegung liegt der Verdienst spürbar über dem Mindestlohn, was die Aktion zu einem begehrten Nebenjob für Studierende macht. Die tiefere politische Überzeugungsarbeit wird derweil von den älteren Parteimitgliedern im Hintergrund übernommen. Die tanzende Jugend liefert hierfür lediglich die visuelle und akustische Verpackung für die oft schwer zu vermittelnden Inhalte.
Während ich das Spektakel beobachte und die Musik an mir vorbei dröhnt, frage ich mich unwillkürlich: Wer von den Kandidaten wird am Ende wohl das Rennen machen? Doch so laut und intensiv dieser Straßenwahlkampf im Moment auch ist, viel ändern wird sich im stressigen und durchgetakteten Alltag der Koreaner nach dem Wahltag vermutlich sowieso nicht.
Für mich ist Andong ohnehin hauptsächlich der Ort, um weiter zum Fluss Nakdong zu kommen, der hier breit wie ein See daliegt. Dort spannt sich die Woryeonggyo-Brücke über das Wasser, mit 387 Metern die längste Holzkonstruktion des Landes. Ihr Name lässt sich poetisch als „Mondschatten-Brücke“ übersetzen.

Hinter der filigranen Fußgängerbrücke steckt eine berührende Geschichte: Bei Ausgrabungen fand man hier die Briefe einer schwangeren Frau an ihren im Jahr 1586 verstorbenen Mann. Neben den Zeilen lag ein Paar Sandalen im Grab, die die Frau aus ihren eigenen, abgeschnittenen Haaren und Hanf geflochten hatte. Da sie seinen Tod nicht mehr verhindern konnte, sollte das Schuhwerk als letzter Liebesbeweis dienen, um seine Seele auf dem Weg ins Jenseits zu schützen. Als Erinnerung an diese tiefe Liebe wurde die Brücke Jahre später exakt in der Form dieser Haarsandalen gestaltet. Das gibt dem Ort beim Hinübergehen eine nachdenkliche, fast melancholische Stimmung.
Nach dem Besuch des geschichtsträchtigen Ortes beginnt für mich eine lange, einsame Etappe. Die Route führt weg von den offenen Tälern rund um Andong und windet sich tiefer hinein in das wellige Hochland. Die Zivilisation tritt merklich zurück, die Straßen werden schmaler, und die dichten Bergwälder rücken näher an den Asphalt heran. Die Fahrt verläuft etwa 120 Kilometer durch diese zunehmende Abgeschiedenheit, bis ich schließlich das Heiligtum Haeinsa erreiche, den „Tempel der Reflexion auf dem ruhigen Meer“. Er liegt tief im Südwesten der Provinz, mitten im Gayasan-Nationalpark, und blickt auf eine über 1.200-jährige Geschichte zurück.
Bevor der Weg überhaupt zu den historischen Gebäuden hinaufführt, halte ich etwas unterhalb des eigentlichen Tempelgeländes am Ufer des Gebirgsbachs im Hongryudong-Tal. Der Name ist eine Metapher für das „Rot fließende Wasser“, wenn das herbstliche Laub den Bach färbt.

Hier liegt eine nicht zu übersehende weiße Gedenkstätte für die verstorbenen Mönche und Gläubigen des Klosters. Die weiße, fünfstöckige Steinpagode, die beiden großen Statuen des Buddhas der Zukunft, Maitreya, und die bogenförmige Gedenkwand im Hintergrund stehen in einer tiefen Stille gegen das rauschende Wasser des Bachs. Es ist ein Ort des kollektiven Erinnerns an all die einfachen Mönche und gläubigen Laien, die über die Jahrhunderte Teil dieser Gemeinschaft waren. Eine Zahl, die bei so einer langen Historie sicherlich leicht in die Tausende geht.
Vom Bach aus führt der Weg weiter bergauf durch drei historische Tore: das Iljumun, das von den Himmelskönigen bewachte Bonghwangmun und schließlich das Haetalmun. Auch wenn ich mir die Namen sicherlich nicht merken werde, so ist dieser Moment einfach unvergesslich. Ich laufe hier unweigerlich auf den Spuren zahlloser Generationen. Mehr als zehntausend Mönche haben diesen Ort im Laufe der Jahrhunderte als Heimat oder Studienstätte begriffen, während heute noch etwa 120 bis 150 von ihnen permanent hier praktizieren.

Im zentralen Hof steht die Haupthalle Daejeokkwangjeon. Anders als gewohnt wird hier nicht der historische Buddha verehrt, sondern Birojana-bul, der kosmische Buddha des Lichts. Direkt dahinter führt eine steile Steintreppe hinauf zu den Holzhallen des Janggyeong Panjeon auf dem höchsten Punkt der Anlage. Dieser Komplex dient als Aufbewahrungsort für einen jahrhundertealten Kulturschatz.

Durch die Holzgitter der Fenster blicke ich auf die Regale der Tripitaka Koreana. Sie gelten als das wichtigste Kulturgut des ostasiatischen Buddhismus: Über 81.000 hölzerne Druckblöcke aus dem 13. Jahrhundert lagern hier. Die rund fünfzig Millionen Schriftzeichen sind so gleichmäßig geschnitzt, als stammten sie aus einer einzigen Hand. Das indische Wort „Tripitaka“ steht dabei für den „Dreikorb der kanonischen Schriften“.

Das für mich Faszinierende: Durch unterschiedlich große Fensteröffnungen und einen traditionellen Boden aus Lehm, Salz und Holzkohle regulieren die Hallen ihre Luftfeuchtigkeit seit über 500 Jahren vollkommen von selbst. Ein genialer, natürlicher Schutz, der das Holz bis heute vor dem Verfall bewahrt.
Dem Aufenthalt in der absoluten Stille des Berges folgt meine letzte Etappe des Tages und mit ihr ein radikaler Bruch. Ich lenke das Auto wieder Richtung Osten, hinunter aus den einsamen Wäldern des Nationalparks. Gut 70 Kilometer Fahrt, dann öffnet sich die Landschaft und weicht schlagartig den Ausläufern einer gigantischen Betonlandschaft. Die Ruhe des Tempels wird abgelöst vom dichten Pendlerverkehr, flackernden LED-Fassaden und den Autoschlangen von Daegu.
Für mich heißt es jetzt, einfach im Megastrom der Autos mitzuschwimmen und nur nicht auf die Bremse zu treten. Kein leichtes Unterfangen, denn in den großen Städten Koreas gilt: Wer bremst, hat verloren. Der Name der Metropole bedeutet passenderweise „Große Ebene“. Die viertgrößte Metropole Südkoreas empfängt mich mit der vollen Wucht einer modernen 2,4-Millionen-Stadt, deren Häusermeer sich in das riesige, von Bergen umgebene Becken drängt.

Wenn ich genau hinsehe, erkenne ich hinter der glänzenden Fassade der unzähligen Apartment-Türme ein städtebauliches Pulverfass. Eine Entwicklung, die ich in einer Studie zu Südkoreas demografischer Zukunft gelesen habe. Diese Gebäude aus Stahlbeton sind oft nur auf 30 bis 40 Jahre ausgelegt. Bisher funktionierte die Erneuerung der Stadt so: Alte Komplexe wurden komplett abgerissen und durch deutlich höhere Türme ersetzt. Durch den Verkauf der zusätzlich gewonnenen Wohnungen in den neuen, höheren Gebäuden konnten sich die Bewohner den Neubau praktisch selbst finanzieren.
Doch bei den heutigen Hochhäusern funktioniert dieser Trick nicht mehr, da man sie aus baulichen Gründen nicht beliebig weiter in die Höhe treiben kann. Angesichts der schrumpfenden Bevölkerung stellt sich nun die drängende Frage, wer diese riesigen Wohnmaschinen in Zukunft finanzieren soll, wenn die Kosten für eine Sanierung die Bewohner allein treffen. Was heute noch als Fortschritt glänzt, könnte sich bald als riesiges Problemviertel entpuppen.
Eines dieser stricknadelförmigen Hochhäuser ist meine heutige Unterkunft. Ganz oben im siebten Stock befindet sich die Lobby. Alles hier ist simpel und maximal durchorganisiert. Anders würde es vermutlich bei dem geringen zur Verfügung stehenden Raum auch gar nicht funktionieren. Mein Zimmer ist typisch für ein Hotel dieser japanischen Kette: klein, zweckmäßig, mit einer kompakten Nasszelle inklusive Toilette. Aber was will man mehr? Zum Schlafen reicht es vollkommen.
Silla und die Goldene Stadt: Auf den Spuren der Ewigkeit
Wenn ich heute Abend meine Tasche für die Weiterreise nach Busan packe, fühlt es sich an, als würde ich eine fremde Welt hinter mir lassen. Gyeongju war für mich kein gewöhnlicher Ort auf meiner Reise. Es war ein tiefes Eintauchen in eine Gesellschaft, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatte. Für mich ist es auch ein Lehrstück darüber, wie eine Zivilisation versucht, Vergänglichkeit durch absolute handwerkliche Präzision zu überlisten.

Die Faszination für diese Epoche hat mich beim ersten Kontakt vor zwei Tagen völlig gepackt, obwohl sie mir bis vor Kurzem unbekannt war. Seitdem habe ich jede freie Minute genutzt, um mich in diese Materie einzulesen.
Der Name Silla war ein Versprechen. Als die Herrscher die chinesische Schrift adaptierten, wählten sie diesen Begriff ganz bewusst: Er steht für das „Neue“ und „Umfassende“. Ein Reich sollte entstehen, das alle Stämme der Halbinsel unter einer gemeinsamen Ordnung vereint. Die Wurzeln liegen im Dunkeln der frühen Stammesverbände. In über 700 Jahre entwickelte sich daraus eine dominierende Macht. Vom 1. bis zum 10. Jahrhundert beherrschte das Reich den gesamten Südosten. Es war eine Blütezeit, die weit nach China und Japan ausstrahlte.
Gyeongju ist eine Stadt der Metamorphosen, denn die Silla waren keine statische Gesellschaft. Ihre spirituelle Betriebssoftware wurde ständig weiterentwickelt, um Stabilität zu garantieren. Damals glaubten die Menschen, Berge und Erde seien beseelt. Das Bauen großer Paläste und Häuser war somit ein heiliger Akt. Die Gebäude sollten in Resonanz mit den Geistern der Natur schwingen. Dann kam der Buddhismus. Er wurde gezielt als kulturelles System-Update eingeführt, um Machtansprüche zu festigen und dem Reich eine verbindliche Ethik zu geben. Dabei verdrängten die Silla den alten Schamanismus nicht, sondern integrierten ihn einfach. Parallel dazu stützte ein rigides Kastensystem die Herrschenden. Diese Ordnung lag in Stein gemeißelt. Das sogenannte „Knochenrang-System“ teilte die Menschen in eine streng hierarchische Kaste ein. Wer in welchen „Knochen“ geboren wurde, entschied über jedes Detail des Lebens: Wie groß das Haus sein durfte, welche Kleidung man trug und welches Gold man besitzen durfte.
Warum nannte man Gyeongju die „Goldene Stadt“? Weil das Edelmetall hier überall präsent war. Gold bildete für die Silla nicht nur Reichtum, sondern die Sprache der Macht. Es schmückte Kronen, Gürtel und Alltagsgegenstände. Gold verkörperte das Licht der Unsterblichkeit. Es zeigte, wer in dieser Gesellschaft oben stand und regierte.
Um dieses Erbe in seiner Konsequenz zu begreifen, genügt es bereits, sich wenige Exponate in der Stadt und der näheren Umgebung anzusehen. Wer im Nationalmuseum vor der filigranen Goldkrone steht, erkennt darin nicht nur Kunsthandwerk, sondern einen fast schon besessenen Hang zur technischen Perfektion, ein glänzendes Symbol jener unnachgiebigen Ordnung, die das Leben jedes Einzelnen definierte.

Im Daereungwon-Park erzählen die Grabhügel eine andere Geschichte. Es sind keine bloßen Erdhügel, sondern ingenieurtechnische Meisterwerke. Die Schichtung aus Lehm und Kies trotzte über Jahrhunderte jeder Erosion und Plünderung. Alle Versuche, die Gräber mit Schaufeln aufzubrechen, scheiterten, da sich die Löcher wie von Geisterhand sofort wieder schlossen. Der Grund liegt in den genialen Erdschichten aus unterschiedlichen Materialien und Korngrößen, die eine Eigendynamik entwickelten, der kein Grabräuber gewachsen war.

Ganz in der Nähe befindet sich die älteste Sternwarte der Welt: Cheomseongdae. Auf den ersten Blick wirkt sie schlicht, ein unscheinbarer Turm aus alten Felsblöcken inmitten des weitläufigen Grüns. Doch das Bauwerk ist ein astronomischer Computer aus Stein. Die 362 verbauten Granitblöcke entsprechen exakt der Anzahl der Tage eines Mondjahres. Sie dienten dazu, die Zeit zu vermessen und den Rhythmus der Gestirne für das Überleben des Reiches zu nutzen.

Auch die gigantische, neun Tonnen schwere Glocke eines Tempels beeindruckt mich ungemein. Ihre Herstellung war eine metallurgische Glanzleistung, die nach dreißig Jahren Vorbereitung jeden Fehler ausschloss: Der Klangkörper wurde in einem einzigen Gussverfahren komplett vollendet. Ihr Ton war angeblich noch kilometerweit zu hören.

Am Bulguksa-Tempel fügt sich diese Ingenieurskunst perfekt in das Relief des Berges ein. Die Baumeister haben die Geologie nicht nur bebaut, sondern sie in ihre Statik einbezogen, als wäre Architektur ein Teil der Schöpfung selbst.

Solche Momente machen die Silla für mich auf eine ganz besondere Art und Weise bewusst erlebbar. Wenn ich abends durch die Gassen mit den traditionellen Hanok-Häusern schlendere und einem Sänger in seinem Hanbok lausche, der mit einem großen, zylindrischen Gat auf einer kleinen Bühne von der Vergänglichkeit der Liebe erzählt, verblassen die Jahreszahlen.

Selbst diese authentische Kopfbedeckung des Sängers ist ein Meisterwerk: aus einem feinen Geflecht von Bambus und Pferdehaar gefertigt, wirkt sie beinahe durchscheinend.
Betrachte ich die Puzzleteile im Ganzen, die schamanischen Wurzeln, den Buddhismus und die strenge Hierarchie, wird mir der Untergang des Reiches plausibel. Ein System, das derart starr auf Tradition beharrt, verliert irgendwann die Fähigkeit zur Adaptation. Wird die Software gegenüber äußeren Einflüssen zu unflexibel, hilft auch die brillanteste Technik nicht mehr gegen den schleichenden Zerfall.
Als Ingenieur suche ich nach dem Warum hinter den Konstruktionen. Doch das Silla-Reich war letztlich nur ein Gebilde des Geistes, entworfen um Herrschaft auszuüben. Es gibt viele Parallelen hierzu in unserer Zeit, in der sich Mächte erneut bekriegen, um Herrschaft zu sichern.
Die Silla sind fort, das Gold liegt in Vitrinen, die Mauern bröckeln. Gyeongju bleibt ein Labor der Geschichte, die sich wiederholt. Immer und immer wieder.
Morgen reise ich nach Busan. Ich nehme Erkenntnisse über eine 1000-jährige Gesellschaft mit, die eine hochkomplexe Ingenieurskultur hervorgebracht hat, deren Bauten bis heute Bestand haben.
Gyeongju zeigt mir aber auch deutlich: Technologische Perfektion allein bietet keinen Schutz. Ein System, das die Fähigkeit zur strukturellen Anpassung verliert, ist auch mit der präzisesten Konstruktion zum Scheitern verurteilt.
Busan is Good! Auf den Spuren meines Großvaters
Das gleichmäßige Summen des Elektromotors verstummt, als ich die Zündung meines Hyundais Ioniq 6 ausschalte. Die Tiefgarage des Yuna Hotels im Herzen von Seomyeon ist eng, so wie fast jeder Winkel in diesem überfüllten Zentrum von Busan, der Millionenmetropole.
Als ich aussteige und den Rücken strecke, spüre ich die Knochen eines vierundsechzigjährigen Mannes, der in der letzten Zeit viel zu viele Stunden in klimatisierten Konferenzräumen verbracht hat. Auf dem Rücksitz liegt mein Sakko neben der Mappe mit den Protokollen der vergangenen Besprechungen.
Ich arbeite in der Karosserieentwicklung bei Hyundai. Meine Reise bis hierher war lang. Die letzten Tage habe ich im Werk in Ulsan verbracht, zwischen Montagebändern, Schweißrobotern und endlosen Abstimmungen. Unser Werk dort ist eine der größten Automobilfabriken der Welt, eine eigene Stadt aus Stahl, Logistik und unaufhörlicher Bewegung. Wenn man miterlebt, wie aus einer flachen Blechbahn am Ende ein fehlerfreies, hochkomplexes Fahrzeug entsteht, erfüllt mich das mit Stolz. Es ist ein wichtiger, interessanter Job, auch wenn er mir seit Jahrzehnten alles abverlangt und die Nächte oft kurz sind. Mein Blick ist durch diese Arbeit selbst geprägt, weshalb ich fast automatisch unbewusst auch im Alltag auf Formen und Linien achte.
Nun stehe ich also in Busan, jener Stadt, in die mein Großvater im Jahr 1950 als Flüchtling kam. Er floh vor den Schrecken des Krieges im Norden mit nichts als dem bloßen Leben auf einem überladenen Schiff, während ich mit einem modernen Firmenwagen anreise.
An der Rezeption ist im Moment niemand zu sehen. Auf dem hölzernen Tresen liegt lediglich eine kleine Benachrichtigung für die Spätankömmlinge, auf der mein Name notiert ist: Park Min-ho. Daneben finde ich meine Zimmerkarte. Die Unterkunft ist pragmatisch, ein schlichtes Business Hotel ohne Prunk, aber sauber und perfekt gelegen. Genauso, wie ich es mir ausgesucht habe. Ich stecke die weiße Plastikkarte ein, greife meine Tasche und fahre mit dem Aufzug nach oben.
Mein Zimmer im neunten Stock ist klein. Als ich aus dem Fenster hinaus in die nächtliche Stadt schaue, sehe ich gegenüber die riesigen Wohntürme. Vielen von ihnen kann man den Verfall fast schmerzlich spürbar ansehen. Unbewusst zähle ich die Etagen nach und überlege mir, wie es wohl sein wird, dort in der vierzigsten Etage ganz oben in einem winzigen Apartment zu wohnen. Sicherlich kein Vergleich zu meiner geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung in Seoul. Draußen leuchtet bereits die Neonreklame der unzähligen Geschäfte und Restaurants, deren Licht in Rot und kühlem Blau auf der Glasscheibe flackert.

Ich lege mein Gepäck ab und trete noch ein Stück näher an die Fensterscheibe heran. Unten pulsiert das Leben. Die Gassen sind voller junger Menschen, die das Wochenende einläuten. Viele von ihnen sind auf der Suche nach dem richtigen Stand für das beste Nachtmahl. Für zwei Tage bin ich nun hier, um eine Spurensuche zu beginnen, die eigentlich ein ganzes Leben bräuchte. Ich öffne das Fenster einen Spalt breit und lasse den fernen Lärm der Metropole herein, während der Geruch von gebratenem Fleisch nach oben steigt. Morgen früh werde ich als Erstes zum Jagalchi-Markt fahren. Genau dort am Kai, direkt am Hafen, wo damals auch das Schiff mit meinem Großvater und den vielen anderen Flüchtlingen anlegte.
Der neue Tag empfängt mich auf der Straße mit der mir wohlvertrauten Hitze. Obwohl es erst Mai ist, werden die Temperaturen heute sicherlich wieder die 30-Grad-Marke erreichen. Zum Glück ist es bei mir zu Hause nicht ganz so heiß, weil die Berge um Seoul etwas Kühle schenken. Auf dem Weg zur U-Bahn fällt mir das Denkmal auf, das den schwedischen Ärzten und Krankenpflegern gewidmet ist, die unseren Leuten in Busan während des schrecklichen Krieges selbstlos geholfen haben. In kürzester Zeit bauten sie genau hier, an der Stelle, an der ich nun stehe, ein Hospital auf.

Es erinnert an eine Zeit, in der diese Stadt zum allerletzten Zufluchtsort des Landes wurde. Damals war Busan das einzige Fleckchen Erde in ganz Korea, das den Truppen aus dem Norden standhielt, weil der gemeinsame Widerstand der südkoreanischen Verbände und der US-Armee nicht zerbrach. Wer fliehen konnte, kam hierher. Hunderttausende verzweifelte Menschen strömten in eine Stadt, die damals selbst gerade einmal einhunderttausend Einwohner zählte. Zwischen den Einheimischen und den Vertriebenen muss die schiere Not unvorstellbar gewesen sein.
Es fasziniert mich immer wieder, wenn ich an solchen Orten vorbeikomme, die Zeugen der entbehrungsreichsten Zeit unseres Volkes sind: Wie sich aus diesen historischen Hinterlassenschaften fast unbemerkt etwas völlig Neues entwickelt hat. Entlang dieser großen Straße sind heute unzählige Kliniken angesiedelt, die sich hauptsächlich auf die moderne Schönheitsmedizin spezialisiert haben.

Ja, unsere Frauen wollen ihre Schönheit zeigen, aber längst streben auch immer mehr junge Männer nach diesem makellosen Ideal. Ich merke das selbst in meiner Firma. Fachwissen allein reicht heute oft nicht mehr aus; das Äußere, die perfekte Repräsentation, ist zu einem harten Faktor in der Geschäftswelt geworden. Ein seltsamer Bogen, den die Geschichte hier schlägt, von der Notfallmedizin im Krieg hin zur Optimierung des Aussehens im modernen Zeitalter des Leistungsdrucks.
Als ich die Stufen der U-Bahn-Station verlasse, schlägt mir sofort die salzige Luft vom Meer entgegen. Ich habe den Jagalchi-Markt erreicht. Unwillkürlich frage ich mich, wo genau damals, im Chaos des Jahres 1950, die Schiffe mit den Flüchtlingen angekommen sein mögen. Direkt hinter der riesigen Markthalle sehe ich die Anlegestelle. Wo heute unzählige Fischerboote im Wasser schaukeln, die jeden Morgen frühzeitig rausfahren, um den frischen Fang an Land zu bringen, lag einst das Schicksal meiner Familie. Fisch war damals oft die einzige Nahrung, die es für die hungernden Flüchtlinge wie meinen Großvater zu essen gab.

Verkauft wurde der Fang schon damals von den Frauen, den Jagalchi Ajummas. Während die Männer an der Front kämpften, im Krieg fielen oder auf See blieben, übernahmen sie das Überleben der Familien. Sie bauten provisorische Holzstände auf und prägten mit ihrem unbezähmbaren, oft rauen, aber herzlichen Charakter das Gesicht dieses Ortes. Diese einfachen Frauen waren es, die Busan überhaupt erst wieder zum Leben erweckten.

Wenn ich jetzt meinen Blick über die vielen Stände schweifen lasse, wird mir die enorme Wandlung bis hin zur Gegenwart überdeutlich. Wo mein Großvater damals wohl noch über Kieselsteine stolperte, steht heute eine riesige, moderne Markthalle. Es ist eine ganz eigene Welt. Drinnen reiht sich ein Aquarium an das nächste, während draußen in den engen Gassen unter bunten Sonnenschirmen noch immer der getrocknete Fisch hängt, genau wie vor Jahrzehnten. Die Vergangenheit ist hier nicht verschwunden, sie hat sich nur mit der Moderne arrangiert.


Ich nehme mir die Zeit, um etwas zur Ruhe zu kommen. In der oberen Etage der Markthalle befinden sich die Restaurants, die den frischen Fang direkt zubereiten. An einem der Tische sitzend, wähle ich eine kleine Kostprobe aus: Hoe, unsere hoch geliebte Variante von rohem Fisch. Die helleren, fast glasigen Stücke von der Flunder sind meine Favoriten. Mild im Geschmack und mit der von mir so geschätzten, zarten Textur. Aber auch die Stücke vom Felsenbarsch, etwas kräftiger und knackiger im Biss, sind fantastisch. Da man den Fisch bei uns selten pur isst, nehme ich ein gezacktes Perilla-Blatt, das sofort nach Minze und Anis duftet, lege den Fisch hinein und falte es zu einem kleinen Päckchen. Bei dem Essen mit dem Blick aus dem Fenster auf den Hafen und das Meer spüre ich, wie mir diese Momente der inneren Ruhe gut tun. Nach all den letzten Monaten mit viel Stress in der Firma ist es der richtige Ort, die richtige Zeit, um wieder runterzukommen.
Entspannt und ausgeruht bin ich nun bereit, um das Viertel von Busan zu erkunden, wo mein Großvater nach seiner Ankunft aus Nordkorea die ersten Jahre verbracht haben muss. Ich stehe am Eingang zu Gamcheon. Leider weiß ich nicht, in welcher Gasse, in welchem Teil des Viertels mein Großvater damals gelebt hat. Er hat nie viel darüber gesprochen. Und irgendwann war es für mich als Kind auch nicht mehr wichtig. Andere Dinge waren damals interessanter: das Abhängen mit Freunden, aber natürlich auch das permanente Lernen, um dem enormen Leistungsdruck in der Schule gerecht zu werden. Dafür musste ich fast jeden Tag nach dem normalen Unterricht noch zur Nachhilfe gehen. Jetzt, in diesem Moment, wo ich vor dem Eingang zu dem Viertel stehe, bereue ich es zutiefst, nicht mehr von ihm erfahren zu haben.

Als Ingenieur bin ich es gewohnt, in funktionalen, logischen Strukturen zu denken. In Gamcheon jedoch wird jede Logik durch das bunte Chaos der Häuser ausgehebelt. Es ist bemerkenswert zu sehen, wie die steilen, architektonisch wild gewachsenen Hügel sich jeder strengen Planung widersetzen
An diesem Nachmittag, bei meiner ersten Spurensuche, sind mir die vielen Menschen auf den schmalen Gassen mit den bunten kleinen Häusern jedoch einfach zu viel. Es scheint, Touristen aus der ganzen Welt haben sich hier auf eine Fotosafari verabredet. Ich suche daher den kürzesten Weg hoch hinauf in die Berge zu einer Aussichtsplattform, die sich über einem Sportkomplex befindet, um dem Trubel zu entkommen. Von hier oben habe ich eine wunderschöne Aussicht über das ganze, weitläufige Areal, das sich bis hinunter an das Meer erstreckt. Am Rand der Aussichtsplattform sitzt der kleine Prinz mit seinem Fuchs. Man könnte meinen, sie wären direkt aus dem Buch entsprungen. Einträchtig schauen sie zu mir herüber. Als beliebtes Motiv, vor dem die Touristen Schlange stehen, um ein Foto mit dem bunten Viertel im Hintergrund zu machen, steht diese Kunststoffskulptur für eine seltsame Art von Unbeschwertheit, die so gar nicht zu der Schwere der Geschichte des Ortes passen will.

Natürlich weiß ich, was es mit der Besonderheit von diesem Stadtgebiet auf sich hat und warum es so viele Menschen anzieht. Das heutige, bunte Postkartenmotiv, das gerne mal als „Machu Picchu von Busan“ beschrieben wird, war jedoch im Ursprung pure Not.
Als Busan während des Koreakriegs in den 1950er-Jahren zur provisorischen Hauptstadt und zum letzten Zufluchtsort wurde, strömten Millionen Geflüchtete in die Stadt. Weil unten kein Platz mehr war, bauten sie einfache Holzhütten in die extrem steilen Berghänge. Geprägt wurde das Viertel damals beim Aufbau von einem zutiefst solidarischen Prinzip: „Niemand nimmt dem anderen die Sicht.“ Die Hütten wurden so versetzt errichtet, dass keine das dahinterliegende Fenster verdeckte. Ein würdevolles Zeichen vom Umgang miteinander auch in einer harten Zeit. Jahrzehntelang blieb das Viertel ein armer Slum. Sicherlich war das auch unbewusst ein Grund, warum mein Großvater über sein neues Zuhause nicht allzu viele Worte verlor. Erst 2009 verwandelte ein Kunstprojekt die grauen Fassaden in dieses farbenfrohe Kunstwerk. Das Besondere daran ist für mich noch immer, dass die ursprüngliche, eng verschachtelte Architektur komplett erhalten blieb. Die bewegende Vergangenheit meines Großvaters hat sich hier nicht in Luft aufgelöst, sie hat sich nur unter einer leuchtend bunten Oberfläche versteckt.
Was weiß ich eigentlich über diese Zeit? Ich erinnere mich an die langen, faden Stunden in der Schule, wo das Thema immer und immer wieder durchgekaut wurde. Die Erinnerungen daran kommen in diesem Moment so langsam in mir wieder hoch. In den Schulbüchern ging es vor allem um die nackten Zahlen und strategischen Wendepunkte des Koreakriegs. Aber was bedeutete das konkret für die Menschen, die damals im Winter 1950 Hals über Kopf fliehen mussten?
Als die Truppen des Nordens immer weiter vordrangen, blieb oft nur der Weg über das Meer. Es waren meistens Männer, die sich auf die völlig überladenen Schiffe retteten. Man dachte, es sei nur für ein paar Wochen, eine vorübergehende Flucht, bis sich die Lage wieder beruhigt hätte. Niemand ahnte damals, dass mit dem Waffenstillstand von 1953 eine unüberwindbare Grenze mitten durch das Land gezogen würde. Dass es kein Zurück mehr geben sollte. Mein Großvater geriet genau in diese Falle der Geschichte. Von einem Tag auf den anderen war er im Süden gestrandet, abgeschnitten von allem, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte. Er verlor jeglichen Kontakt zu seiner damaligen Frau und seiner Familie im Norden. Es gab keine Briefe, keine Lebenszeichen, nur das große, quälende Schweigen, das auch nach seinem Tod noch immer anhält.
Erst als nach Jahren jede Hoffnung auf eine Rückkehr oder eine Wiedervereinigung der Familien erloschen war, versuchte er, sich im Süden ein neues Leben aufzubauen. Er heiratete wieder. Eine Entscheidung aus der puren Realität heraus, die eine neue Familiengeschichte begründete und aus der, über eine Generation hinweg, schließlich auch ich entstanden bin.
Wenn ich heute hier oben stehe und auf das Areal blicke, wird mir erst klar, wie tief der Schmerz über diesen radikalen Bruch in seinem Leben gewesen sein muss. Genau das macht Gamcheon für mich aus: Die bunten, verspielten Gemälde an den Häusern liegen heute wie eine dicke Schicht über dem schmerzhaften Gestern. Sie übertünchen das Leid, löschen es aber nicht aus.


Beim Anblick der lächelnden Touristen, frage ich mich natürlich: Wer von ihnen weiß, was unter diesem Anstrich wirklich steckt? Wer ahnt, dass dieser Ort kein Bühnenbild ist, sondern ein Denkmal für das Überleben unserer Vorfahren?
Nach den vielen Eindrücken des Tages brauche ich jetzt, spät am Nachmittag, Abwechslung. Ich fahre zum Strand Gwangalli. Jeder im Land kennt diesen Ort. Ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit meinen Kollegen, die mir schon oft schwärmerisch von ihren Urlauben an genau diesem Strand berichtet haben. „Das Meer in Gwangalli“, sagten sie immer, „das ist das echte Busan.“
Als ich ankomme, verstehe ich sofort, warum. Die Atmosphäre ist einladend. Der Strand in der Bucht wirkt wie ein großes, offenes Wohnzimmer. Überall sitzen Grüppchen im Sand, es wird gelacht, geplaudert, Kinder tollen herum. Der Duft von gegrilltem Fisch weht von den nahen Restaurants herüber. Es ist das große, gesellige Herz der Stadt.


Alle warten auf den Moment, wenn es dunkel wird. Dann bricht sich das Licht der untergehenden Sonne in dem seichten Wasser des Meeres. In diesen Momenten beginnt das Lichtspiel an der riesigen, weißen Gwangandaegyo-Brücke, die sich wie ein stählernes Band über die Bucht spannt. Geboten wird die größte LED-Show ihrer Art in ganz Asien, und das umsonst. Diese spezielle Mischung aus modernem Großstadtflair und der unmittelbaren Nähe zum Meer macht den besonderen Reiz aus, den Gwangalli ausstrahlt. Während ich den Sand unter meinen Füßen spüre, weiß ich, dass dies der richtige Ort ist, um den Alltag hinter sich zu lassen.
Ich setze mich auf die kleine Mauer an der Promenade zu den anderen Schaulustigen und beobachte das Lichtspiel. Genau in diesem Augenblick erscheint auf der Brücke der projizierte Slogan der Metropole: *Busan is Good!* Dieser Spruch hätte auch von mir sein können.

Auch wenn ich morgen wieder den langen Weg zurück nach Seoul fahren muss, so weiß ich doch: Ich komme wieder. Vielleicht finde ich davor noch etwas mehr über meinen Großvater heraus. Ich werde morgen früh als Erstes meine Mutter anrufen. Nicht nur, um ihr von der Reise zu erzählen, sondern um sie zu fragen, was sie über diese ersten Jahre in Busan noch weiß – bevor die Erinnerungen ganz verblassen.
Rückkehr zur Halmoni auf Jeju
Der Beamte an der Passkontrolle in Jeju blättert in meinem Ausweis. Er studiert das Foto, dann mich. Als er Ji-won ausspricht, den Namen, der auf dem Dokument steht, klingt das in diesem Moment wie die Erinnerung an eine Zeit, die ich schon hinter mir gelassen habe.
Als junge Frau, die vor drei Jahren aus ihrer Heimat aufgebrochen ist, blicke ich auf eine Vergangenheit zurück, die sich bereits weit entfernt anfühlt. Seither studiere ich in München Germanistik. Eine Entscheidung, die ich meiner Lehrerin zu verdanken habe, die ständig im Unterricht mit Leidenschaft Gedichte von Rilke vortrug. Die Poesie und der Klang der Wörter haben mich schließlich in den Süden Deutschlands geführt.
Hier, in der Ankunftshalle, fühle ich mich seltsam verloren zwischen den Touristen, die ihre Koffer durch die Schiebetüre ziehen. Ich nehme den Pass entgegen, stecke ihn ein und trete hinaus ins Freie, um den Mietwagen an der Station in der Nähe abzuholen. Der Himmel über Jeju ist heute grau und schwer von Regen. Der Wind zerrt wie wild an meiner Jacke. Es ist dieselbe kräftige Brise, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, als ich einmal jährlich diese Insel besuchte.

Mein Aufenthalt hat jedoch nichts mit dem gemein, was die vielen Menschen aus der ganzen Welt hierher lockt, die Jeju oft als das Hawaii Koreas bezeichnen. Ich werde meine geliebte Halmoni besuchen, um zwei Tage mit ihr zu verbringen. Eine gemeinsame Zeit mit meiner Großmutter, die mir während der Seminare an der Universität so sehr fehlt.
Die Übergabe des Mietwagens dauert nur einen kurzen Moment. Alles ist perfekt organisiert. Gut so, denn ich will gleich aufbrechen in den Osten der Insel, nach Seongsan-ri. Ein Name, der mit seinen koreanischen Schriftzeichen – Burg, Berg und Dorf – genau das beschreibt, was es ist: eine Siedlung an einem massiven Felsvorsprung im Ozean.
Obwohl die Strecke von der Hauptstadt Jeju-si im Norden dorthin kaum fünfzig Kilometer beträgt, ist heute alles anders. Die sintflutartigen Regenfälle verwandeln die Straße mancherorts in eine rutschige Piste, auf der jeder Meter Konzentration erfordert. Auf meinem Handy erscheinen in kurzen Abständen Warnhinweise, bei denen ein gelbes Dreieck mit einem Ausrufezeichen das Unwetter signalisiert. Der orkanartige Sturm vom Meer her versucht, den Wagen von der Fahrbahn zu drücken. Doch für mich sind das keine unüberwindbaren Gefahren. Was bleibt mir auch anderes übrig? Meine Zeit für diesen Besuch ist ohnehin begrenzt. Ich passe einfach die Geschwindigkeit an und umklammere das Lenkrad fest mit beiden Händen.
Die Küstenstraße führt an kleinen Ortschaften mit traumhaften Stränden, goldgelbem, feinkörnigem Sand und glasklarem Meerwasser vorbei, die mir in Erinnerung geblieben sind. Mit meiner Familie habe ich früher an der Hamdeok Beach wunderbare, unbeschwerte Stunden verbracht. Heutzutage kommen hierher hauptsächlich Touristen aus China. Die zumeist sehr jungen Frauen nutzen die einmalige Kulisse, um ununterbrochen Fotos von sich zu machen, die sie später in den sozialen Medien teilen. Ich kann sie nur zu gut verstehen, denn auch von mir gibt es unzählige Bilder auf Instagram, auf denen die Sehenswürdigkeiten meiner neuen Umgebung im Hintergrund zu sehen sind.

Auf der anderen Straßenseite weist ein Schild zur berühmten Manjanggul-Lavahöhle. Als Kind bin ich dort im Halbdunkel vor Ehrfurcht beinahe erstarrt. Die unterirdische Grotte wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, geformt durch die massiven Lavaströme, die sich einst den Weg bahnten, als der Hallasan noch ein hochaktiver Vulkan war. Noch heute ist das Ausmaß dieser monumentalen, sich schier endlos windenden Röhre für mich kaum zu begreifen.

Endlich erreiche ich Seongsan-ri. Der Regen hat etwas nachgelassen, doch die engen Gassen des Dorfes wirken im gedämpften Licht fast wie aus der Zeit gefallen. Ich stehe vor dem Haus meiner Großmutter, das hier, eingebettet zwischen schroffem Lavagestein und dem beständigen Rauschen des Ozeans, eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Früher war dieser Ort für mich das Zentrum der Welt, erfüllt von ihrem Lachen und dem Duft von gedämpftem Reis und Meeresfrüchten. Heute trete ich durch das Tor und spüre eine eigentümliche, verlassene Stille. Ich bin angekommen, endlich zu Hause, und doch wirkt alles anders, seit ich nicht mehr hier gewesen bin. Bevor ich eintrete, atme ich noch einmal die salzige Meeresluft tief ein, die mir hier so vertraut schmeckt.
Die Tür geht leise auf und dort steht sie vor mir, meine Halmoni. Ihr vom Alter gezeichnetes Gesicht mit den vielen Falten erzählt von all den Jahren an dieser Küste. In ihrer gestreiften Bluse unter der dunklen Schürze wirkt die kleine Frau sofort vertraut. Ich muss innerlich schmunzeln, denn ihre kurzen, grauen Haare sind wie immer ein wenig zerzaust. Sofort gestikuliert sie mit einer Lebendigkeit, die mir das Gefühl gibt, die Zeit sei stehengeblieben und ich sei wieder Kind. Doch in diesem Augenblick unterbreche ich ihre Worte, umarme sie einfach und drücke sie so fest an mich, dass ich beinahe Angst bekomme, ihr wehzutun. Minutenlang halte ich sie schweigend fest.
Im Zimmer in der unteren Etage hängen an der weißen Wand Schwarz-Weiß-Aufnahmen, auf denen auch meine Großmutter in einem schwarzen Neoprenanzug abgebildet ist. Damals hatte sie noch dunkles Haar. Ja, meine Halmoni ist etwas ganz Besonderes – eine Haenyeo. Sie gehört zu jener Gemeinschaft von Frauen, die ohne Atemgerät bis zu zwanzig Meter tief nach Meeresfrüchten tauchen. Sie nutzen lediglich Neoprenanzüge, Schwimmflossen und ihre traditionellen Schwimmkugeln, die Tewak, an denen sie ihren Fang sammeln und sich bei Bedarf ausruhen.
Schon als ich klein war, habe ich sie dafür bewundert – meine Heldin. Oft fuhr ich mit ihr zu ihrer Basis am Ufer des Ozeans, in unmittelbarer Nähe zum Seongsan Ilchulbong. Dort haben die Frauen ein kleines Gebäude mit einer Küche und einem bescheidenen Museum. Während meine Großmutter bis zu drei Stunden am Stück im Wasser war, um zu tauchen, schaute ich mir auf dem alten Fernseher Videos über das Leben der Taucherinnen an. Oder ich spielte stundenlang auf meinem Handy, denn oft war sie zweimal täglich im Meer, unterbrochen nur durch kurze Pausen an der Oberfläche, um Luft zu holen.
Wir fahren gemeinsam zu ihrem Haus am Ufer, denn sie ist noch immer fast jeden Tag dort, um den frischen Fang direkt zuzubereiten. Die Touristen lieben ihre Spezialität mit den gerade gefangenen Seeigeln, die so köstlich schmecken wie das Meer selbst. Direkt vor dem Parkplatz erhebt sich der gewaltige grüne Kraterberg, der bei Regen mystisch wirkt, wenn die Wolken um den Gipfel ziehen. Dieses Naturwunder entstand vor Jahrtausenden durch einen vulkanischen Ausbruch direkt im flachen Meer, der den charakteristischen Gipfel fast zweihundert Meter aus dem Wasser ragen ließ. Heute ist der markante Vulkanschlund ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher, die dort oben Selbstporträts vor der Kulisse des tiefblauen Ozeans machen.

Unten im Haus wirkt alles sofort wieder vertraut. Gleich neben den Fotos hängt der alte Neoprenanzug, der dort so lebendig erscheint, als würde er trotz seines Alters nur darauf warten, wieder ins Wasser zurückzukehren.

Gerade als meine Großmutter uns die Mahlzeit auf den Tisch stellt, kommt eine der Taucherinnen herein. Es ist Sun-Hi, etwa siebzig Jahre alt, mit kurzem, leicht gewelltem Haar und noch immer im enganliegenden Neoprenanzug. Sie nimmt Platz und berichtet mit ruhiger Stimme von ihrem Tauchgang, während ihre von der Kälte des Ozeans gezeichneten Hände auf ihren schmalen Knien ruhen.

„Das Wasser war heute unruhig“, sagt sie leise und deutet auf ihren Fang: ein paar kräftige Seeigel und Muscheln, die sie in den letzten drei Stunden aus der Tiefe geborgen hat. Viel ist das nicht, doch für sie gleicht jeder Fund einem Geschenk des Meeres. Ein kurzes Strahlen huscht über ihr sonst stoisches Gesicht, während sie auf die Schalen deutet, als sei der Einklang aus Meeresfrüchten und dem Reis vom Land das wahre Glück auf Erden.
Mit ihr sind heute noch vier weitere Frauen im Wasser, allesamt in ihrem Alter. „Die Jüngste von uns ist sechzig Jahre alt. In diesem Beruf gilt sie bereits als Nachwuchs. Der Großteil der Haenyeo ist heute so alt wie ich“, fügt Sun-Hi lächelnd hinzu. Sie möchte diesen Job ausüben, solange es ihre Gesundheit zulässt, auch wenn ihr der Preis dafür bewusst ist. Die jahrzehntelange Belastung fordert ihren Tribut: Durch das tägliche Abtauchen ohne Sauerstoff und die ständigen Druckwechsel reichert sich Stickstoff im Blut an, eine Last, die sich im Alter oft in chronischen Gelenkschmerzen oder Lähmungen zeigt.
„Warum tauchen eigentlich nur Frauen?“, frage ich Sun-Hi. Sie erwidert meinen Blick und schaut zu meiner Großmutter, die das Thema behutsam aufgreift. „Früher, bis etwa ins 17. Jahrhundert, waren wir noch gemeinsam im Wasser“, erklärt sie und betrachtet dabei Sun-Hi nachdenklich über den Rand ihrer Reisschale hinweg. „Stimmt“, ergänzt Sun-Hi, „aber dann kamen die Steuern. Der Staat verlangte seinen Tribut. Da die Männer oft in den Krieg oder zur Arbeit auf das Festland abkommandiert wurden und viele nicht wiederkehrten, blieben wir Frauen allein. Also mussten wir das Überleben sichern und diese Last mit bloßen Händen selbst aus der Tiefe holen.“
„Das war ein harter Preis für unsere Unabhängigkeit“, fügt meine Großmutter hinzu. Sun-Hi nickt langsam. „Dazu kam, dass wir Frauen die Kälte besser aushalten als die Männer. So wurde aus der nackten Not über die Jahrhunderte eine stolze Tradition, bei der wir die Versorgung der Familien übernahmen.“
Bevor wir uns auf den Rückweg machen, verabschiede ich mich von Sun-Hi. Sie muss noch ihre Ausrüstung ordnen und die Netze für den nächsten Tag sortieren. Mit einem dankbaren Innehalten und einem kurzen, festen Händedruck lasse ich sie zurück, während sie sich geschäftig ihrer Arbeit widmet. Als es spät am Nachmittag langsam dunkel wird, fahre ich mit meiner Großmutter zurück in das Dorf, noch bevor die anderen Taucherinnen am Haus erscheinen. Es war für mich ein langer Tag mit vielen Begegnungen und unvergesslichen Eindrücken. Ich bin so dankbar dafür!
Am nächsten Morgen ist es noch immer bewölkt. Heute wollen wir mit dem Auto einmal um die ganze Insel fahren. Meine Großmutter überrascht mich beim Frühstück mit einem kleinen gelben Zettel, auf dem sie mit einer feinen Handschrift alle Orte aufgeschrieben hat, die ihr nachts eingefallen sind, um diese bei unserer Ausfahrt zu besuchen. Wir steigen ein und fahren in Richtung Süden. Unser erster Halt ist der Jeongbang-Wasserfall, der viele Touristen anzieht, die ihre Reisebusse auf dem überfüllten Parkplatz oberhalb der Küste zurücklassen. Für sie ist es ein spektakuläres Naturschauspiel, wenn das Wasser aus zweiundzwanzig Metern Höhe direkt von der Steilküste in den Ozean stürzt. Es ist der einzige Wasserfall Asiens, der sich unmittelbar in das Meer ergießt.

Für uns Koreaner jedoch hat dieser Ort eine weitaus schwerere Bedeutung. Anfang April 1949 wurden hier 248 Insulaner vom südkoreanischen Militär hingerichtet. Diese Tragödie ist Teil der Geschichte Jejus als „Insel der Tränen“. Damals löste eine hysterische Angst der Regierung und der US-amerikanischen Besatzungsmacht vor einem kommunistischen Umsturz eine Welle der Gewalt aus. Jede Forderung nach besseren Lebensbedingungen oder Protest gegen Korruption wurde als Aufruhr gewertet und im Keim erstickt. Es herrschte ein Klima totalen Misstrauens. Nachbarn denunzierten sich aus Angst oder persönlichen Animositäten. Die Amerikaner, die als Präsenz vor Ort die volle Kontrolle innehatten, billigten diese „Säuberungen“, um die Insel als Vorposten des Kalten Krieges zu sichern. Unter ihrer Duldung wurde fast ein Drittel der Inselbevölkerung in diesem internen Konflikt ausgelöscht. Eine Wunde, die in unseren Familien bis heute schmerzt.
Dass Halmoni mich heute bewusst an diesen Ort geführt hat, erfüllt mich mit großer Ehrfurcht vor ihrer Stärke. Sie wollte, dass ich den Boden spüre, denn auch ihr Vater kam in den Wirren dieser Zeit ums Leben. Wenn ich jetzt auf das Meer blicke, sehe ich, wie die Schönheit dieses Ortes untrennbar mit dem Leid der Vergangenheit verwoben ist. Diese Stätte des Gedenkens erinnert mich daran, dass auch diese paradiesische Insel ihre eigenen, tiefen Narben trägt.
Mein persönliches Highlight bei unserer Ausfahrt an diesem Tag ist die Route entlang der Küstenstraße im Nordwesten der Insel. Das wird mir erst jetzt so recht bewusst, während wir auf der schmalen Straße ganz nah am Meer vorbeifahren und die weitläufigen Buchten von Hyeopjae passieren. Früher ergab sich bei meinen Besuchen auf der Insel fast nie die Gelegenheit dazu. Zu viele Dinge mussten in unmittelbarer Nähe des Hauses meiner Großmutter erledigt werden.

Auch hier, in den kleinen Ortschaften wie Sinchang, gibt es noch Frauen, bei denen die Haenyeo-Tradition, wie die Halmoni zu berichten weiß, noch immer tief verwurzelt ist. Die Zahl der Frauen nimmt jedoch von Jahr zu Jahr ab. Vor etwa siebzig Jahren zählten noch zwanzigtausend tauchende Frauen zu dieser Gemeinschaft, die aus der wirtschaftlichen Not heraus die anstrengende Arbeit auf sich nehmen mussten. Es war für sie die einzige Möglichkeit, ein stabiles Einkommen für ihre Familien zu erzielen. Heute sind nur noch etwa 3.000 offiziell registriert, was ihnen staatliche Vergünstigungen sichert.

Genau wie bei meiner Großmutter, die erst vor wenigen Jahren eine offizielle Anerkennung durch die Behörden erhielt, nachdem das Tauchen als Welterbe der UNESCO aufgenommen wurde. Seitdem bekommt sie eine kleine Pension. Davon leben kann sie nicht. Auch darum geht sie jeden Tag zum Haus am Meer. Doch der Gang dorthin ist für sie längst weit mehr als bloße Notwendigkeit; er ist zu einer tiefen Herzensangelegenheit geworden.
Während wir an den niedrigen Mauern aus schwarzen Basaltsteinen vorbeifahren, die die Felder vor dem unbarmherzigen Wind schützen, erzählt sie mir von früher. Sie spricht von den harten Wintern, in denen das Wasser so eisig war, dass die Haut nach dem Auftauchen zu schmerzen begann.
Als junges Mädchen im Alter von zwölf Jahren fing sie mit dem Tauchen in flachen Gewässern an. „Meine Mutter war die beste Lehrerin“, sagt sie, „die uns allen ihre Erfahrungen weitergegeben hat.“ Damals trugen wir nur dünne Baumwollkleider, um uns vor einer Unterkühlung zu schützen. Dass sie diesen Beruf unter diesen extremen Bedingungen über Jahrzehnte hinweg ausüben konnten, zeigt mir, wie zäh und diszipliniert meine Großmutter gewesen sein muss. Es sind diese Erzählungen, die mir den Atem rauben. Während die modernen, vollklimatisierten Touristenbusse an uns vorbeiziehen, um die großen Sehenswürdigkeiten abzuklappern, fühle ich mich bei unseren Gesprächen im Auto in eine andere Zeit versetzt, als würde ich durch eine völlig andere Dimension von Jeju reisen.
„Schau dorthin“, sagt sie plötzlich und deutet auf eine kleine, fast unscheinbare Bucht. Dort liegt eine Gruppe von Frauen im Wasser. Ihre schwarzen Anzüge glänzen an der Oberfläche wie die Rücken von Robben. Sie wirken winzig gegen die Wucht der Brandung. „Das ist die neue Generation, von der ich dir erzählt habe“, fügt sie leise hinzu. „Sie sind stark, aber sie kämpfen gegen ein Meer, das sich verändert hat. Wenn sie jetzt auftauchen, sind ihre Körbe oft leer. Das Wasser ist leergefischt und verlassen.“
Ich halte das Auto an einem kleinen Aussichtspunkt kurz an. Wir steigen aus, Halmoni stützt sich auf ihr Knie, das sie so oft plagt, und blickt hinaus in die Weite. In diesem Moment sehe ich nicht nur die alte Frau, sondern eine Hüterin der Geschichte. Die Stille, die zwischen uns entsteht, ist nicht verlegen. Sie ist angefüllt mit dem Wissen, dass wir beide auf dem Boden einer Welt stehen, die im Begriff ist, zu verschwinden, und die dennoch in unseren Herzen weiterlebt, solange wir sie in Worte fassen. „Komm“, sagt sie schließlich und klopft mir auf den Arm, „wir sollten weiter. Die Flut wartet nicht.“

Als wir wieder im Auto sitzen und weiterfahren, trifft mich ihre Frage völlig unvorbereitet: „Kleine, willst du nicht hier auf Jeju bleiben und unsere Tradition fortführen?“ Ich bin in diesem Moment vollkommen perplex und weiß nicht sofort, was ich ihr antworten soll. Dann sage ich sanft: „Halmoni, ich bin sehr, sehr gern hier auf der Insel. Ich liebe es, die Zeit mit dir zu verbringen, und wenn ich wieder weg bin, fehlst du mir sehr. Doch hier auf Jeju zu bleiben, um als Haenyeo zu arbeiten – das kann ich nicht.“ Danach herrscht im Wagen ein Augenblick lang Stille. Wir wissen beide, dass diese Tradition langsam verblasst. Es gibt kaum noch Nachwuchs. Das Leben hat sich so schnell verändert. Heute suchen die jungen Frauen ihr Glück lieber in den Städten, wo die Arbeit weniger entbehrungsreich ist und der Aufstieg durch Bildung greifbarer scheint. Dass ich jetzt hier sitze und nicht bleiben möchte, ist für mich auch ein leises Eingeständnis, wie weit ich mich von diesem Teil unserer Geschichte entfernt habe.
Meine Großmutter drückt mir mit ihrer kleinen Hand kurz und fest den Arm und sagt zustimmend: „Kind, ich verstehe dich nur zu gut.“ Dann, nach einer kleinen Pause, fragt sie: „Was sind deine Pläne? Was willst du später einmal machen, wenn das Studium beendet ist?“ Über diese Frage habe ich mir tatsächlich auch schon oft meine eigenen Gedanken gemacht. Weiß ich doch, dass ich als ausgebildete Kennerin der deutschen Sprache und der Kultur später einmal vielleicht nicht das große Geld verdienen werde. Dazu bin ich zu sehr Realist.
Doch ich habe eine Vision: Ich möchte später als Reiseführerin Menschen aus der ganzen Welt unser Land zeigen und ihnen die Geschichte unseres Volkes nahebringen – eine Geschichte, die lange Zeit verborgen bleiben musste. Als ich meiner Großmutter von diesem Traum berichte, nickt sie mir anerkennend zu. „Das passt zu dir“, sagt sie. „Du hast eine so offene, liebevolle Art, dass die Menschen begeistert sein werden. Schon als kleines Kind hast du dich immer für die Geschichte unserer Vorfahren interessiert.“
Wir beide denken an die Zeit, als Korea fast tausend Jahre lang während der gesamten Joseon-Dynastie und bis in die Moderne hinein für Fremde nahezu verschlossen blieb. Der Grund dafür waren die unsagbaren Leiden und die völlige Zerstörung des Landes durch die japanischen Truppen mit der Invasion am Ende des 16. Jahrhunderts. Diese bittere Erfahrung musste unser Volk Jahrhunderte später erneut durchleiden, als mit der japanischen Kolonialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein weiteres leidvolles Schicksal begann, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauern sollte.
Auf dem Rückweg halten wir im Seongeup Folk Village, um eine Pause einzulegen. Es ist ein Ort, der die Zeit anzuhalten scheint. Hier, wo die strohgedeckten Häuser sich hinter der Ringmauer aus schwarzen Lavasteinen ducken, scheint das moderne Jeju weit entfernt. Halmoni bleibt an einer der alten Steinmauern stehen und streicht mit der Hand über den rauen Basalt. „Weißt du“, sagt sie leise, „früher war Seongeup das Herz der Insel. Hier kam alles zusammen.“


Es ist kein lebloses Museum, denn noch immer leben Menschen in diesen alten, einfachen Häusern und bewahren somit das Erbe ihrer Ahnen. Ich frage sie, ob ihre Vorfahren hier einst auch Abgaben leisten mussten? Sie nickt langsam: „Ja, über Jahrhunderte hinweg, während der gesamten Zeit der Joseon-Dynastie, war das ihr Schicksal. Sie mussten den Tribut leisten, den die Beamten der Regierung forderten.“ Sie lacht kurz und bitter. „Heute würden wir es wohl unsere Steuerpflicht nennen, aber damals fühlte es sich an wie ein Preis für das Recht zu atmen.“
Wir schlendern weiter entlang der schmalen Gassen, vorbei an den beiden kleinen Wächtern aus Stein, den Dol Hareubang. Diese Figuren mit ihren in den Bauch gestützten Händen bewachten früher die Tore des Dorfes. Irgendwie sehen sie dafür gar nicht ernst genug aus, eher etwas trollig. Doch ihre Aufgabe war es, Unheil abzuwehren. Heute scheinen sie darüber zu wachen, dass die Stille, die hier herrscht, nicht von der Hektik des modernen Lebens eingeholt wird.

Außerhalb des Dorfes, hinter der Ringmauer, finden wir schließlich den idealen Ort zum Ausruhen. Ein kleines Café in einem der alten Häuser, in dem ich mich sofort willkommen fühle. Während wir am Fenster sitzen und auf die alten, strohgedeckten Dächer blicken, scheint die Welt draußen für einen Moment stillzustehen. Drinnen ist es warm und gemütlich. Ein altes Klavier steht in der Ecke, auf dem Fenstersims erinnern kleine Figuren an die Mythen der Insel.

Halmoni trinkt ihren Tee, ich schlürfe meinen heißen Kaffee. Wir schweigen viel. Unsere Stille ist nicht unangenehm. Es fühlt sich an, als hätten wir beide in unseren Gesprächen einen Kreis geschlossen. Vom Meer über unsere Wurzeln bis hin zu der Frage, wohin mein Weg mich führen wird. Als wir das Café verlassen, spüre ich, dass ich Jeju nicht nur als einen Ort, sondern als ein Stück meiner eigenen Geschichte mitnehme. Der Abschied am nächsten Tag wird schwer, aber er wird sich richtig anfühlen.

Das Licht in den frühen Stunden des neuen Tages ist noch kühl, die Luft klar. Halmoni bleibt in ihrem Haus zurück. Sie wird später, wie jeden Tag, zum Meer fahren, um dort für die ankommenden Touristen und die Taucherinnen das Gericht des Tages zuzubereiten. Ihr Alltag ist ein Ritual, das ihr die Kraft und Energie gibt, trotz ihres Alters so bemerkenswert selbstständig zu leben. Ein Rhythmus, den ich nun ein Stück weit besser verstehe.
Auf der Fahrt zum Flughafen wähle ich die längere Route durch den Hallasan Nationalpark. Der Gipfel ist in Wolken gehüllt. Mir wird bewusst, dass ich noch nie ganz oben war – nur auf dem Yeongsil-Trail, der knapp unterhalb des Kraters endet. Das muss ich bei meinem nächsten Besuch unbedingt nachholen.
Jeju zieht wie ein Film an mir vorbei: die geduckten Mauern des Dorfes, die weiten Felder und die vertraute Küstenlinie. Ich verbringe noch ein paar Tage bei meiner Familie in Seoul, bevor es am Samstag zurück nach München geht. Es bedarf keiner großen Worte. Unsere Gespräche haben ihren Platz in mir gefunden.
Ich nehme die Ruhe des Dorfes, die vielen Begegnungen und guten Gespräche als Kompass mit. Der Abschied ist kein Ende, sondern ein Wiedersehen. Jeju ist weit mehr als das Hawaii Koreas – es ist für mich ein großes Stück Heimat.
Der Bericht über Korea hat mir außerordentlich gut gefallen. Er vermittelt nicht nur historische Fakten, sondern macht die Folgen der Teilung des Landes auf sehr persönliche Weise spürbar. Besonders die Fußverletzung von Frank hat beim Lesen einen echten Schmerz ausgelöst.
Eindrucksvoll fand ich auch die Beschreibung des Tunnels unter der DMZ. Er steht für mich sinnbildlich für die bedrückende und grausame Wirklichkeit eines Landes, das bis heute geteilt ist. Solche Orte machen Geschichte plötzlich sehr konkret.
Die Großmutter auf Jeju habe ich als eine stille Hüterin der Geschichte verstanden. In ihr verbinden sich die Tradition, die familiäre Erinnerung und die leidvolle Vergangenheit der Insel. Dadurch bekommt der Bericht eine sehr persönliche koreanische Stimme.
Am Ende blieb bei mir vor allem Dankbarkeit zurück. So bewegend und interessant die Geschichte Koreas ist – sie hat mir erneut bewusst gemacht, wie glücklich wir uns schätzen können, in Deutschland in Frieden und Freiheit zu leben.
Axel Lange